Klassik : Strahlende Vorbilder in Japan

Wer hat Angst vor Fukushima? Und was heißt Solidarität? Viele Orchestermusiker weigern sich, in Japan aufzutreten. Nach dem 11. März haben über 70 Prozent der Künstler abgesagt.

von
Wiederaufbau. Kooriyama in der Präfektur Fukushima. Die Autobahn dorthin ist nur 40 Kilometer vom havarierten Atomkraftwerk entfernt. Das Leipziger Streichquartett spielte am Dienstag in zwei Schulen vor über 2000 Kindern.
Wiederaufbau. Kooriyama in der Präfektur Fukushima. Die Autobahn dorthin ist nur 40 Kilometer vom havarierten Atomkraftwerk...Foto: LSQ

Hier misst der TÜV Rheinland, und was er misst, müsste den verängstigen Michel eigentlich beruhigen. Die aktuelle Strahlenbelastung für den Großraum Tokio/Yokohama (Stand vom 22. Juni) liegt zwischen 0,08 und 0,2 Mikrosievert pro Stunde – bei Werten, die nur geringfügig höher sind als das Mittel in Deutschland (0,05 bis 0,18, je nach örtlicher Gegebenheit). Selbst in der Präfektur Fukushima (jenseits der 20-Kilometer-Sperrzone) werden im Juni keine Messwerte mehr oberhalb der Nachweisgrenze erreicht. Das heißt, es befindet sich so gut wie keine Radioaktivität in der Luft. Selbst „die ursprünglich vorhandene Menge von Jod- 131 in den havarierten Reaktoren ist inzwischen auf ca. 1:4000 ihres Ausgangswertes zerfallen“, heißt es auf der Homepage der deutschen Botschaft (www.tokyo.diplo.de). Und auch der überwiegende Teil der auf der Insel erzeugten Lebensmittel sei aus strahlenhygienischer Hinsicht „unbedenklich“. Wer will, kann sich im Internet derzeit als sein eigener Strahlenschutzexperte weiterbilden.

Der deutsche Michel ist dennoch besorgt, TÜV Rheinland hin, zertifizierte Sushi her. Der Michel, sofern er als Musiker vorkommt und vom japanischen Publikum in den vergangenen 50 Jahren mächtig profitiert hat, ist sogar so besorgt, dass er vorerst lieber nicht nach Japan reisen möchte. „Das ist keine Frage der Fakten, sondern eine der Ängste“, sagt Nikolaus Bachler, der Intendant der Bayerischen Staatsoper in München. Nach derzeitigem Planungsstand werden die Bayern vom 12. September bis 12. Oktober 2011 in Tokio gastieren. Mit im Gepäck: Wagners „Lohengrin“ (mit Jonas Kaufmann), Bellinis „Roberto Devereux“ (mit Edita Gruberova), Strauss’ „Ariadne auf Naxos“, zwei Konzertprogramme mit Kent Nagano sowie einen Evakuierungsplan und jede Menge sauberes Trinkwasser, für den Notfall.

Hysterie? Psychologie? Vor zwei Wochen reiste der Intendant selbst nach Tokio, um mit gutem Beispiel voranzugehen (er blieb unversehrt) und um der Tournee der New Yorker Met beizuwohnen, sich vor Ort auszutauschen. In Tokio, sagt Bachler, herrsche „völlige Normalität“. Auch das aber konnte die heimische Belegschaft nicht überzeugen, jedenfalls nicht restlos. Rund 40 Musiker und Mitarbeiter (von 400 Betroffenen) haben gesundheitliche Bedenken angemeldet und weigern sich bislang, die Reise anzutreten. Sie können für die Zeit unbezahlten Urlaub nehmen, entsprechende Anträge müssen bis zum heutigen Freitag eingereicht werden. Wer sich das finanziell nicht leisten kann oder nicht gefallen lassen will, wird vors Arbeitsgericht ziehen müssen. Mit mäßigen Erfolgsaussichten: Für Tokio besteht keine Reisewarnung, lediglich vor Aufenthalten in den an Fukushima grenzenden Ortschaften Iitate, Kuzuo und Minamisoma wird „ausdrücklich“ gewarnt.

Wenig Chancen also, juristisch sauber und ohne millionenschwere Verluste aus den Verträgen wieder herauszukommen. Das Orchèstre de Lyon mit Jun Märkl und die Dresdner Philharmonie unter Rafael Frühbeck de Burgos haben unlängst auf die in solchen Fällen zu bemühende ForceMajeure-Klausel verwiesen und ihre für Juni/Juli geplanten Auftritte in Japan gestrichen. Und das, obwohl Experten des Bundesamtes für Strahlenschutz den Dresdnern keineswegs ein Verseuchungsszenario an die Wand malten. Nach Auswertung der Messdaten wiesen sie im Gegenteil darauf hin, dass die Strahlenbelastung am Reiseziel „knapp unter“ der natürlichen Strahlenexposition in Dresden liege, also bedenkenlos sei. Trotzdem bangte Kulturbürgermeister Ralf Lunau offenbar um das Schicksal der Musiker.

Noch rabiater war nur die russische Sopranistin Anna Netrebko, die ihre Mitwirkung an besagter Met-Tournee bereits im Mai stornierte: „Es tut mir außerordentlich leid, das japanische Volk enttäuschen zu müssen ... aber meine Familie und viele Freunde haben jahrelang unter den Folgen von Tschernobyl gelitten.“ Sind das Star-Allüren oder spricht Netrebko nur aus, was viele denken: Dass man vieles, ja fast alles messen und verifizieren kann – und am Ende trotzdem nie sicher ist?

Auch die Met ließ es sich nicht nehmen, vorab eigene Wissenschaftler zu entsenden. Anna Netrebko haben deren hochmögende Resultate nichts genützt. Für sie wie für Teile der New Yorker und Münchner Ensembles ist Japan längst eine Glaubensfrage. Und auch in Berlin wird diskutiert, etwa beim Deutschen Symphonie- Orchester, das Ende Oktober für 12 Konzerte unter anderem nach Matsumoto, Fuji und Sapporo fliegen soll. Ursprünglich war sogar ein Auftritt im Tsunami-Gebiet von Sendai geplant – wo aber kein Saal mehr steht, lässt sich schlecht musizieren.

„Das Thema schürt Emotionen, aber das Gesprächsklima ist ein besonnenes“, so umreißt Orchester-Direktor Alexander Steinbeis die Atmosphäre. „Wir stehen hier alle in der Verantwortung.“ Wobei die Kapazitäten des DSO, was aus der Reisepflicht zu entlassende Mitglieder betrifft (weil sie junge Mütter sind oder krank), eingeschränkter sein dürften als bei großen Opernhäusern. Was also tun, wenn sich bei der Orchesterversammlung Mitte August doch zu viele Musiker gegen die Reise entscheiden sollten? „Wenn jemand seine Angst nicht überwinden kann, muss man das akzeptieren. Zwang hilft da gar nicht“, sagt Nikolaus Bachler.

Die Berliner Philharmoniker, die ihrerseits im November nach Tokio reisen wollen, geben sich in der Angelegenheit ausgesprochen cool. Zunächst heißt es, kontrovers diskutiert würde die Reise nicht. Dann, auf nochmalige Nachfrage, lässt Vorstand Andreas Wittmann verlauten, man werde sich im September mit dem Orchester noch einmal zusammensetzen, um „endgültig“ zu beraten. Nach derzeitigem Stand aber stünde der Entschluss fest: „Das Publikum in Japan erwartet zu Recht gerade jetzt, dass wir dort auftreten.“ In kleineren Formationen, als Philharmonisches Oktett oder Stradivari-Solisten, erfüllen die Philharmoniker diese Erwartungen längst. Verantwortung ja, aber nicht im großen Stil?

Was bedeutet das für die in der westlichen Welt so emsig beschworene, in Strömen von Benefiz-Konzerten sich ergießende Solidarität der Völker? Dass es damit im Fall des Falles so weit nicht her ist? Unmittelbar nach dem großen Erdbeben vom 11. März haben 70 bis 80 Prozent der internationalen Künstler ihre Japan-Verpflichtungen abgesagt. Der japanische Musikmarkt aber, auf dem sich vor allem Europäer und Amerikaner einst güldene Nasen verdienten, liegt seit den Finanz- und Wirtschaftskrisen des 21. Jahrhunderts darnieder. Jedes einzelne Konzert, das nicht stattfindet, bedeutet einen weiteren Dolchstoß. Auch das könnte ein Argument sein, jenseits der reinen Mitmenschlichkeit, Japan unbedingt weiter zu bereisen. „Wir können doch nicht die Ersten sein, die sagen, dieses Land gibt es für uns nicht mehr“, so Nikolaus Bachler. „Das Wichtigste ist jetzt Normalität, Energie, Hoffnung, ist eine Zukunftsperspektive.“ Auch und gerade mithilfe der Kunst.

Neben den Furchtsamen und den Abgebrühten gibt es auch viele Beherzte und Engagierte, Künstler, die sich kundig machen, weil sie kundig sein wollen. Der Bariton Matthias Goerne gehört dazu, der im Oktober mit den Wiener Philharmonikern in Tokio Mahler singen wird. Goerne hält die Bedenken vieler Kollegen für „großen Käse“ und „totale Hysterie“. Ob er selbst keine Angst habe? „Erstens habe ich die Pflicht, mich zu informieren und nachzudenken. Und zweitens stehen Leute mit einer gewissen Vorbildfunktion stärker in der Verantwortung.“ Mit anderen Worten: Er fährt, sofern die Situation bleibt, wie sie ist. Und wird manches Gemüse, manchen rohen Fisch genauso meiden wie bis heute, apropos Tschernobyl, polnische Pfifferlinge oder Wild aus dem Bayerischen Wald.

Ähnlich denken auch die Musiker des Leipziger Streichquartetts, die schon Ende April in Japan waren und seit diesem Montag dort erneut unterwegs sind, auf eigene Initiative (unterstützt vom Auswärtigen Amt sowie u.a. von Airbus, Lufthansa, Haribo). Freunde, sagt der erste Geiger Stefan Arzberger, lasse man nicht im Stich. „Wie kommen wir wieder weg, wenn etwas passiert?“, diese Frage hätten sie sich gestellt. Ansonsten aber scheuen sich die Leipziger nicht: Weder vor der Radioaktivität in den Präfekturen von Fukushima, Miyagi und Iwate, noch vor den Turnhallen und Auffanglagern, in denen sie dort spielen. Musik von Haydn, Mendelssohn, Dvorak und Beethoven, außerdem japanische und deutsche Volkslieder. Über den Verlauf der Benefiz-Tour berichtet der Blog leipzigquartet.wordpress.com/feed – todsicher strahlenfrei.

Autor

9 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben