Klassik : Urnebel und Mondgestein

András Schiff startet seinen Berliner Bach-Zyklus im Kammermusiksaal.

Volker Hagedorn
319332_0_6965bbd0.jpg
Meister der Versenkung. Andras Schiff bei der Geistesarbeit. -Foto: Hochuli Konzert AG

Zu den beliebtesten Zankäpfeln unter Bildungsbürgern gehört Thomas Manns Formulierung vom „Fugengewicht der Akkorde“, nachzulesen im „Doktor Faustus“, wenn der schrullige Gelehrte Kretzschmar über Polyphonie spricht. Vor zehn Jahren fand jemand heraus, dass Mann, der sich auf handschriftliche Notizen Adornos stützte, sich verlesen habe. Bei Adorno steht nämlich „Eigenwicht“. Der Pianist András Schiff hat diesen Verleser als „grandiose Metapher“ verteidigt, was den Herausgeber der neuen Frankfurter Mann-Ausgabe nicht hinderte, den „Fehler“ im Roman zu korrigieren. Man wünschte, er hätte am Dienstag im Kammermusiksaal gesessen, um sich von Schiff am Steinway ein Fugengewicht um die Ohren hauen zu lassen, dass es nur so dröhnt.

Schiff beherrscht nämlich – anders als Adorno und sämtliche Herausgeber des Planeten – das komplette „WK I“ auswendig und weiß, wovon er spricht. Mit dem ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers eröffnet er seine Bach-Trilogie und spielt den vielleicht fugengewichtigsten Akkord (cis-Moll-Fuge, Takt 112) mit so viel Kante, Wucht und geradezu extraterrestrischem Glanz, dass man erschrickt über dieses Gebilde, das, für sich genommen, ein Cis-Dur-Akkord mit dissonantem A darin ist, im Zusammenhang aber eine fünfstimmige Konsequenz aus dem fugierten Geschehen. Schon das Eigengewicht der brutal schrägen Kombination ist beträchtlich, ihr Fugengewicht aber ist unausweichlich. Erst recht am modernen Konzertflügel, der anders als das moderne Sinfonieorchester in Sachen Bach keineswegs abgedankt hat zugunsten des Originalklangs.

Das liegt auch an Pianisten wie Schiff, der als begnadeter Kammermusiker und Selbstdenker überhaupt nicht an Tastenglamour interessiert ist, sondern den Flügel als Mittel sieht. Als Mitte natürlich auch, so viel ist klar, wenn man ihn da sich versenken sieht, mit minimalen Bewegungen, die Füße keusch vom Pedal entfernt. Aber von hier aus erkundet er die 24 Präludien und 24 Fugen als die Charakterstücke, die sie neben aller Synapsenentfesselung und enzyklopädischer Materialbestandsaufnahme auch sind. Wann hörte man die Es-Dur-Fuge je so witzig? Als wäre sie nach ihrem strengen Präludium der „importance of being earnest“ enthoben, kichernd über die eigene Perfektion. Und wann sang die Oberstimme des f-MollPräludiums in den zwei sequenzierenden Takten ihre Terzen so innig?

Schiff lässt uns da eine italienische Liebesklage aus jenen Opern hören, die Bach nie schrieb. Anderswo entdeckt man eine der verschollenen Kantaten. Denn das seltsam tapsige Thema der gis-Moll-Fuge versucht er nicht etwa durch Beschleunigung zu retten. Er gibt ihm Demut und lässt Platz für imaginäre Choralzeilen darüber. Manchmal wünschte man, weiter hingeführt zu werden zu einem der vielen Horizonte, schärfer zu sehen, was der 56-Jährige andeutet – aber wer zweimal 24 Stücke fast attacca verbindet, muss auch mal nachlassen dürfen. Nachlässig aber wird Schiff nur gezielt – im e-Moll-Präludium etwa tackert er nicht beidhändig sauber die Sechzehntel zusammen, sondern lässt mal die eine, mal die andere Hand um einen Hauch voraus sein. Minimale Verschiebungen, die hinter den parallelen Linien lebendigen Eigensinn zeigen.

Andersherum klingen die drei dezidiert kontrapunktischen Stimmen im h-Moll-Präludium, als spreche hier ein Subjekt, als sei in Nahaufnahme zu hören, wie das, was einer mitteilt, sich immer aus mehreren Quellen und Schichten speist. Die Fuge danach ist die letzte. Nicht nur, weil das Thema eine Zwölftonreihe umfasst, geraten wir aus der diatonischen Gravitation heraus. Schiff lässt die Verbindungen, die das Stück zusammenhalten, so dünn werden, dass sie zu reißen beginnen. Hier ist Bach schon im 20. Jahrhundert. Das Fugengewicht der Akkorde ist auf einmal das von Mondgestein, und wie von draußen blickt man nun zurück auf den irdischen Urnebel des C-Dur-Präludiums. Wer zu Beginn der zwei Stunden dachte, der macht es sich aber gemütlich, sitzt jetzt fröstelnd da. Ovationen.

Am 20. März spielt Schiff die sechs Partiten BWV 825 - 830, am 9. Juni die Französischen Suiten und die Partita BWV 831.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben