Kultur : Klassik: Wotan aus Wales

Uwe Friedrich

Begeisterter Applaus kann auch unverschämt sein. Dabei war klar, dass der walisische Starbariton Bryn Terfel nach Wotans Abschied in der Philharmonie keine Zugabe singen würde. Demonstrativ wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Seit Jahren haben die Fans in Terfels Don Giovanni den kommenden Wotan heraushören wollen. Nun gab er seine Visitenkarte ab - mit einem der großen Monologe aus der "Walküre".

Dabei steht Terfel mitten im Orchester, umgeben von einem Streichermeer mit acht Bässen, einer Blechbläserbatterie im Rücken und vier Harfen zur Seite (Wagner hatte sich ursprünglich sechs gewünscht!). So muss Bryn Terfel mit den geballten Orchestermassen kämpfen, die von Claudio Abbado nicht immer hinreichend gedämpft werden. Dennoch gelingt Terfel ein Triumph subtilen Gesangs. Der Ton trägt verlässlich, strömt vibrierend im Raum. Perfekter Gesang ereig

net sich dann, wenn der Zuhörer die einzelnen Komponenten, die Ergebnisse harter Arbeit, kaum mehr wahrnimmt: Atemkontrolle, präzise Phrasierung, Tongebung, perfekten Stimmsitz und Fokussierung. All das vereint Terfel in seiner Stimme mit lyrischem Schmelz und heldischem Kern.

Während er früher gerne nach dem Motto "Ich habe eine schöne Stimme, wo ist die Rampe?" sang, nimmt er nun auch mutig vieles zurück. So weit, dass die Stimme beim "letzten Gruß" fast nicht anspringt, aber eben nur fast. Schon im Holländer-Monolog ging er lieber in den Orchesterfluten unter, als dass er seine Todessehnsucht forciert hätte. Maestro Abbado hatte nämlich schon im "Holländer"-Vorspiel die Stürme heftig toben lassen. Allerdings scheinen unsere Traditionsorchester derzeit nicht allzu viel vom Proben zu halten, und so folgten ihm die Musiker nicht immer mit der wünschenswerten Präzision.

Die Pizzicatoläufe vor dem "Steuermann"-Motiv kamen erschreckend unpräzise, auch scheinbar problemlose Einsätze wurden von den hohen Wogen heftig durcheinandergeschüttelt. Die wollüstigen Steigerungen des Tristan-Vorspiels und des Liebestodes gelangen da besser: Hier haben Orchester und Dirigent deutlich mehr Übung. Im "Parsifal"-Vorspiel glückten einige schöne Farbwechsel in den Klangblöcken. Sie machten neugierig, wie die ganze Oper unter Abbados unsentimentalem und doch effektsicherem Zugriff wohl klingen würde.

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