Klassik : Zweitstimme entscheidet

Die Frau neben Marek Janowski: Maria Grätzel managt das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Sie sorgt für konzeptionelle Horizonterweiterungen.

Frederik Hanssen

Als Pamela Rosenberg im Spätherbst 2005 ihren Intendantenvertrag bei den Berliner Philharmonikern unterschrieb (nahezu zeitgleich mit der Vereidigung Angela Merkels als Bundeskanzlerin), jubelte die Musikwelt: Endlich eine Frau an der Spitze eines Top-Orchesters! Maria Grätzel dagegen dürfte die Nachricht allenfalls mit einem milden Lächeln quittiert haben. Denn zu diesem Zeitpunkt war sie bereits zwei Jahre lang in Amt und Würden beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Offiziell lautet ihr Titel zwar „Orchesterdirektorin“ – weil das RSB eines von vier Ensembles der Rundfunkorchester und -chöre GmbH ist, die ihrerseits von einem Intendanten geleitet wird – sonst aber würde man sie zweifellos Intendantin nennen. Sie ist die starke Frau neben Marek Janowski: Der Chefdirigent prägt das RSB im sinfonischen Kernrepertoire, Grätzel sorgt für konzeptionelle Horizonterweiterungen.

Dramaturgisches Denken hat die zierliche Frau mit dem sanften Händedruck seit ihren Berufsanfängerzeiten interessiert. Aufgewachsen ist Maria Grätzel in Mainz, als jüngstes von fünf Geschwistern einer kunstsinnigen Familie. Besonders der Mutter lag es sehr am Herzen, dass alle Kinder ein Musikinstrument erlernen. Maria startet fünfjährig mit der Flöte, kann dann aber von ihrem Onkel eine Violine übernehmen, übt fleißig, wenn auch ohne allzu großes inneres Feuer. Das entflammt erst, als sie ins Landesjugendorchester Rheinland-Pfalz aufgenommen wird. Sie besteht die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule, spielt bei Tibor Varga im Kammerorchester. Dann aber hat sie eine Vision: Soll es wirklich ein Künstlerleben im Orchestergraben werden, Ellenbogen an Ellenbogen mit den Kollegen, unsichtbar für Publikum? Dabei interessiert sie doch vor allem das, was auf der Bühne passiert, oben im Rampenlicht!

Also wechselt Maria Grätzel die Seite, nimmt ein Literatur- und Theaterwissenschaftsstudium auf – und jobbt nebenbei im Theater. Sie assistiert, souffliert, korrepetiert, kurz, lernt den Bühnenbetrieb von der Pike auf kennen, bekommt dann ihre erste Anstellung als Dramaturgin in Heidelberg, wechselt nach zwei Spielzeiten ans Staatstheater Kassel, dann nach Freiburg. Dort lernt sie den Dirigenten Christoph Poppen kennen. Als der 1995 das Münchener Kammerorchester übernimmt, bietet er Maria Grätzel den Posten der Geschäftsführerin an. Sieben Jahre managt sie das Orchester mit einem Mini-Team. Dann findet sie, es sei Zeit für eine Zäsur, heuert 2001 als Kulturreferentin bei der feinen Münchner „Tertianum“-Seniorenresidenz an – und muss sich dann doch eingestehen, dass das dort vorherrschende Tempo nicht das ihre ist.

Darum kommt das Angebot, mit Marek Janowski zum Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin zu gehen, eigentlich zum goldrichtigen Zeitpunkt. Zwei Tage zögert Maria Grätzel, ob sie aus dem beschaulichen München wirklich in die herbe Hauptstadt gehen soll. Als Janowski am 2. Januar 2003 morgens um neun Uhr die Antwort wissen will, sagt sie aber doch: „Ja“. Bereut hat sie die Entscheidung nicht. Denn zusammen mit dem Chefdirigenten ist es Maria Grätzel gelungen, das RSB aus einer Schatten- in eine Spitzenposition zu rücken. „Er ist der verlässlichste Partner, den man sich denken kann“, schwärmt die Kulturmanagerin über ihren Chef. Das System funktioniert zwar paternalistisch – erst werden die Wünsche des Maestro erfüllt, dann kommt der Rest – aber Grätzel weiß ihre Zweitstimme zu nutzen, tüftelt mit Gastdirigenten spannende Projekte aus und beweist immer wieder einen guten Riecher für junge Talente. Andris Nelsons, Yannick Nézet-Seguin oder Kristjan Järvi beispielsweise gaben ihre Berlin-Debüts beim RSB, noch bevor sie von den ganz großen Institutionen gebucht wurden. Maria Grätzel entdeckte als Erste das Off-Kulturzentrum „Radialsystem“ am Ostbahnhof als Ort für etablierte Orchester, veranstaltete dort Kinderkonzerte und Klassik-Einführungen mit Herbert Feuerstein. Ihren größten Publikumserfolg aber konnte sie mit den 2006 initiierten „Schlüterhofkonzerten“ einfahren, bei denen das RSB jeweils zu Christi Himmelfahrt im Deutschen Historischen Museum musiziert.

„Was mich bis heute an Berlin irritiert“, sagt Maria Grätzel, „ist die Tatsache, dass die Teilung der Stadt im Kulturbereich immer noch so deutlich zu spüren ist.“ Ganz langsam nur hat sich das RSB neben der Stammklientel im Konzerthaus auch ein Publikum erobern können, das dem Orchester auch in die Philharmonie folgt. In der Saison 2009/10 kann es Maria Grätzel erstmals wagen, mehr Abende im Scharoun-Bau als im Schinkel-Tempel am Gendarmenmarkt anzusetzen. Zusammen mit ihrem Mann, einem Opernsänger, hat sich Maria Grätzel übrigens für eine Wohnung in jenem Bezirk entschieden, wo das alte West-Berlin noch am lebendigsten ist: in Charlottenburg.

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