Kultur : KLASSIK

PETER SÜHRING

Max Reger nahm sich ein Hebbel-Gedicht als Privatliturgie, münzte es im Requiem von 1916 um, nicht nur in ein Gedenken an tote Soldaten, sondern besonders an die Deutschen als Helden - man weiß wie patriotisch Künstler sein können.Kompositorisch erfuhr es mysteriöse Zuspitzungen, von Reger aus seinem Doppelklang-Laboratorium bereitgestellt.Aufgegriffen und verwirklicht in der Philharmonie vom Philharmonischen Chor, der mit pathosloser und unsentimentaler Artikulation die chromatischen Verrückungen und andere Fallgruben der Partitur überwand, vom Solisten Ralf Lukas mit seinem beseelten und gestaltreichen Bariton und von den akkuraten und delikaten Berliner Symphonikern, alle unter der engagierten Einstudierung und Stabführung von Uwe Gronostay.Prägnant wiedergegeben auch die barocke Diktion von Boris Blachers "Großinquisitor", zwei Jahre nach Kriegsende uraufgeführt, fünf Jahre vorher komponiert, als deutsche Soldaten wieder Helden spielen mußten, ihrer als Opfer einer barbarischen Pseudoapokalypse gedenkend - man weiß wie unpatriotisch Künstler sein können.Der Librettist, Leo Borchard, der noch im Mai 1945 als Dirigent das Berliner Konzertleben mit Mendelssohn wiedereröffnete, war während der Niederschrift bereits in einer Widerstandsgruppe.Psalmodierende Chorpassagen, rezitativischer Sologesang - bei aller Schärfe herrschte eine magische Stimmigkeit von Text, Melos, Harmonik und Rhythmik.

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