Kultur : Klassiker der Schockkultur

DOMENICA FRIEDEL

"Achi" (Friechrich Achleitner) und "Rühm" (Gerhard Rühm) fahren auf einem Motorroller durch den Zuschauerraum, um anschließend auf der Bühne ein intaktes Klavier zu zertrümmern.Darf man Oswald Wiener glauben, so gefiel diese Szene dem Publikum des zweiten "literarischen cabarets" (programmatische Kleinschreibung!) der "Wiener Gruppe" im April 1959 - abgesehen von einer mittellosen Musikstudentin, die einen Weinkrampf erlitt.

Die österreichische Öffentlichkeit war da etwas skeptischer.Die Presse reagierte vorwiegend negativ.Ein Redakteur der "Arbeiterzeitung" etwa konnte die Begeisterung des Publikums nicht nachvollziehen: Er führte sie auf eine "Geländeunkenntnis" der Zuschauer zurück, die sie sich nicht einzugestehen wagten und daher lieber lachten als zu protestierten.Daß die Polizei kurz nach der "Klavierzerschmetterung" erschien und von da an das Geschehen überwachte, erscheint dennoch übertrieben.

Jedenfalls sorgte die "Wiener Gruppe" im Wien der fünfziger und frühen sechziger Jahre für einige Aufregung.Heute gilt sie als erste österreichische Avantgardebewegung und somit als einer der wesentlichen Beiträge zur österreichischen Kunst nach 1945.Bisher wurde vor allem dem literarischen Werk der Gruppe Beachtung geschenkt, ihrer visuellen, konkreten und akustischen Poesie, der Textmontage und Dialektlyrik.Die konzeptionellen, gattungsübergreifenden Ansätze sind hingegen weniger bekannt, obwohl gerade diese wichtige künstlerische Tendenzen der sechziger Jahre, wie Happening oder Konzeptkunst, vorwegnahmen.Eine Ausstellung der Kunsthalle Wien im Museumsquartier zeigt jetzt erstmals einen repräsentativen Querschnitt der künstlerischen Aktivtäten der Mitglieder der "Wiener Gruppe" - Friedrich Achleitner, H.C.Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener - in den Bereichen der Literatur, Theater, Hörspiel und Musik.

Die "Wiener Gruppe" war eine relativ kurzlebige Erscheinung am österreichischen Kulturhimmel.1952 lernten sich Artmann und Rühm kennen, dann kam Bayer dazu, 1953 der damalige Jazzmusiker Wiener, 1955 der Architekt Achleitner.Spätestens 1964 war der intensiven Zusammenarbeit durch den Selbstmord Bayers ein Ende gesetzt.Danach gingen die Mitglieder eigene Wege, Achleitner wandte sich wieder der Architektur zu, Rühm und Wiener gingen nach Berlin.Nur noch gelegentlich kam es zu Gemeinschaftsarbeiten, wie etwa dem "ZOCK-Fest" 1967, an dem unter anderen auch Hermann Nitsch, Otto Mühl und Peter Weibel teilnamen.Oder die "berliner dichterworkshops" zu Beginn der siebziger Jahre, die Rühm, Wiener und Achleitner - der zu dieser Zeit als Stipendiat in Berlin weilte - zusammen mit Günter Brus und Dieter Roth veranstalteten.

Ein Problem der Ausstellung ergibt sich daraus, daß die meisten Objekte schriftlicher Art sind, wie Manuskripte für Happenings oder Theaterstücke.Eine Ausstellung zum Lesen also.Da ist man mit dem Katalogbuch, herausgegeben von Peter Weibel, ebenso gut, vielleicht besser, weil komfortabler, beraten.Das monumentale, 784 Seiten dicke Werk war schon als Beitrag der Alpenrepublik zur letztjährigen Biennale von Venedig von Österreich-Kommissar Weibel zusammengestellt worden und lag, freilich ohne Ausstellung, zum Mitnehmen aus.Jetzt begleitet es, komplett mit CD-ROM, die von Wolfgang Fetz erarbeitete Ausstellung und ermöglicht, die dort gezeigten Dokumente und Manuskripte in Ruhe nachzulesen.

Literarisch knüpfte die "Wiener Gruppe" an Expressionismus, Surrealismus und Dadaismus an; in theoretischer Hinsicht an Ludwig Wittgensteins Sprachphilosophie.Die Gruppe wollte mit moralischen und künstlerischen Traditionen brechen und experimentelle Wege der Kunst finden, aus einer Sehnsucht heraus, die so neu doch nicht ist: um die Kluft zwischen Kunst und Leben zu überbrücken.Die Wirkung der Kunst müsse mit jener von "körperlichen Verletzungen oder einschneidenden Veränderungen der Lebensverhältnisse" vergleichbar sein, forderte "Ossi" Wiener.Das sollte vor allem durch die öffentlichen Aktionen geleistet weden.Schock, Provokation und Irritation erschienen als geeignete Mittel - Instrumente zertrümmern oder das Publikum mit Semmelknödeln bewerfen, wie Wiener es beim "ZOCK-Fest" tat, oder Sperma auf einer Aktfotografie als "Naturbild" zur Kunst erheben (Rühm).Zumindest in Österreich hat die "Wiener Gruppe" jedoch zu ihrer Zeit nicht viel mehr bewirkt als Befremdung und Ablehnung.

Wien, Kunsthalle im Museumsquartier, Museumsplatz 1, bis 21.Februar 1999.Katalog: Peter Weibel (Hrsg.), Die Wiener Gruppe (mit CD-ROM), 784 S., Springer Verlag, Wien / New York, 290 öS., geb.im Buchhandel 896 öS / 128 DM.

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