Klassiker in der Galerie Nierendorf : Zeit spielt eine Rolle

Ernst Barlach, Emil Nolde und George Grosz: Die Galerie Nierendorf, Berlins ältester Kunsthandel, schöpft für seine Schau aus reichem Erbe.

Jens Grandt
Um 1920 malte Emil Nolde sein Aquarell „Meerlandschaft (mit Anlegesteg und einem Boot)“.
Um 1920 malte Emil Nolde sein Aquarell „Meerlandschaft (mit Anlegesteg und einem Boot)“.Foto: Galerie Nierendorf

Tradition hat es schwer in einer Zeit, die Farben und Formen kaum die Muße lässt, Gestalt anzunehmen. Aber eine Galerie, die seit 1925 – mit einem Jahrzehnt kriegsbedingter Unterbrechung – in Berlin Künstler der klassischen Moderne ausstellt und gefördert hat, ist wohlberaten, ihre Schätze immer wieder anzupreisen. Dazu gehören Arbeiten des Expressionismus, Verismus oder der Neuen Sachlichkeit bis zu Malern und Grafikern der Gegenwart. Der Galerist Karl Nierendorf hatte mit Otto Dix, Paul Klee und Emil Nolde begonnen – Florian Karsch griff diese Tradition in den fünfziger Jahren wieder auf und führte sie fort.

An den Wänden hängen signierte Werke von Corinth und Beckmann

Anlass der jüngsten Schau ist die 100. Ausgabe der „Kunstblätter“, die als kleine und dennoch vollständige Kataloge die Ausstellungen begleiten. Seite um Seite, Bild für Bild an den Wänden große Namen: Ernst Barlach, Max Beckmann, Lovis Corinth, Marc Chagall, Otto Dix, George Grosz, Ernst Ludwig Kirchner oder Lyonel Feininger. Es leuchtet ein, dass etliche Werke hier „auf Anfrage“ gehandelt werden. So verhält es sich mit dem „Akt vor blauem Grund“ von Otto Mueller. Einem Blatt, von dem sich der 2015 verstorbene Karsch bis zuletzt nicht trennen mochte. Hinter dem lapidaren Titel verbirgt sich eine Geschichte: Als der Galerist 1956 mit der geschiedenen zweiten Ehefrau Otto Muellers die erste Ausstellung über den Maler nach Kriegszeiten vorbereitete, wusste Karsch nicht, wie er die Preise bestimmen sollte. Er schlug vor, das teuerste Bild auf die linke Seite, das preiswerteste nach rechts zu sortieren. Alles andere sollte dazwischen arrangiert werden. Anschließend fiel ihm auf, dass Muellers einstige Ehefrau das große Aquarell „Akt vor blauem Grund“ zu den billigen Bildern gelegt hatte. Denn das Modell darauf war Elfriede Timm, die letzte Geliebte des Malers. Mueller war 1928 mit der 25-jährigen Studentin der Breslauer Akademie nach Paris gereist und hatte sie vierzehn Tage vor seinem Tod geheiratet.

Der Galerist schrieb das Werkverzeichnis zur Grafik von Otto Mueller

Mueller ist ein Schwerpunkt der aktuellen Ausstellungen. Die Galerie Nierendorf verfügte einst über eine fast vollständige Sammlung seiner Grafiken. Karsch – der als Stiefsohn des Galeristen Josef Nierendorf die Geschäfte 1955 wieder aufnahm – hat das bis heute gültige Verzeichnis von Muellers grafischem Werk geschrieben. Gleiches gilt für Otto Dix, mit dem Karsch befreundet war. Aus dem Altbestand begegnet man der matronenhaften „Kupplerin“ (95 000 Euro) und dem selten gezeigten „Alten Mann mit Kind“ (3000 Euro).

Es lohnt sich, die Landschaften von Corinth, Schmidt-Rottluff und Paul Klee nebeneinander zu sehen. Alle sparsam im Strich, aber welch Unterschied in Temperament und Intension. Den Liebhaber Karl Hofers, der dessen mythisch-mahnende Gestalten und den ewigen „Rufer“ verinnerlicht hat, überrascht das Ruhe verströmende Gemälde „Tessiner Landschaft“. Zwei Highlights befinden sich in Vitrinen: Exemplar Nr. 16 von 50 nummerierten Blättern der Luxusausgabe „Das Werk von E. L. Kirchner“ mit einem Farbholzschnitt und einer Radierung, jeweils von Kirchner signiert (45 000 Euro). Daneben liegt „Das Malerleben“: 16 Lithografien mit Pinsel und Feder von Conrad Felixmüller (24 000 Euro), ein „Buch in Bildern“, das der Maler seinem Dichterfreund Carl Sternheim gewidmet hat. Jedes Blatt ist handsigniert.

Faszinierend der Vergleich eines Früh- und eines Spätwerks von Franz Xaver Fuhr als etwas eigensinnig experimentierendem Stilisten, dem die Reichskunstkammer ein Malverbot auferlegte, dessen Bilder in der Münchner Schandschau „Entartete Kunst“ diskreditiert wurden. Ungeachtet eigener Repressionen hatte ihm Josef Nierendorf noch 1937 in Berlin eine Einzelausstellung gewidmet. In „Viadukt. Am Vierwaldstätter See“ (um 1929) schöpft Fuhrs Formkraft noch ganz aus dem Schwarz-Weiß-Kontrast und den Grautönen seiner Anfangsjahre. Dagegen steht „Kleinstadtmarkt“ (um 1957). Eine Handelsszene in glühenden Farben. Die Personen sind expressiv vereinfacht, es dominiert der zeichnerische Duktus, der alle Arbeiten Fuhrs prägt. Aber in diesem Bild werden die langen Konturlinien mit weißem Pinsel gemalt – ein Markenzeichen des Künstlers.

Wer aus einem solchen Fundus wie die Galerie Nierendorf schöpft, gibt Form und Farbe alle Zeit, sich zu entfalten.

Galerie Nierendorf, Hardenbergstr. 19; bis 22.9., Di–Fr 11–18 Uhr

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