• Klassikfestival : Politische Melodien: Orchester aus Georgien, Armenien und Aserbaidschan bei „Young Euro Classic“

Klassikfestival : Politische Melodien: Orchester aus Georgien, Armenien und Aserbaidschan bei „Young Euro Classic“

Halbzeit bei „Young Euro Classic“. Orchester aus südlichen Gebieten des Kaukasus geben ein Gastspiel im Konzerthaus am Gendarmenmarkt.

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Der Name ist selbst schon Musik: „Kaukasus“, das hat Klang und Rhythmus, da steigen und fallen die Konsonanten und Vokale wie Gebirgsketten, da scheinen die Tänze und Lieder uralter Zivilisationen mitzuschwingen. Und doch kennen wir, wenn es um die Landschaft zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer geht, ganz andere, blutige Bilder: Von Konflikten, Kriegen, Völkermord und einer Großmacht, die ihr zerfallenes Imperium nicht loslassen kann. Naiv, wer glaubt, dass Musik hier „Grenzen überwinden“ und „Brücken bauen“ könnte. Und dennoch: Dass auch in dieser Region Kraft und Muße bleibt, sich professionell der Orcherstermusik zu widmen, ist eine jener Erkenntnisse, die man dem Festival „Young Euro Classic“ verdankt.

Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt gaben sich jetzt Musiker aus Staaten, die am Südhang des Kaukasus liegen, die Klinke in die Hand: Georgien, Aserbaidschan und Armenien. Politisch gedacht ist das Programm bei der Georgian Sinfonietta aus Tiflis: Wenn sie eine „abchasische Begräbnismusik“ des 1983 geborenen Komponisten Archil Giorgobiani uraufführt, ist das nicht ohne Beigeschmack – denn Abchasien gehört zwar völkerrechtlich zu Georgien, ist aber de facto unabhängig. Giorgobiani erzählt dann auch im Programmheft, dass sein Stück vor allem auf Vorstellung und Fantasie von einem Land beruhe, dass seine Generation noch nie gesehen hat, weil es besetzt ist. Wie ein Trauermarsch klingt es dann aber gar nicht, es hat Elan und Bewegtheit. Das kleine Streichorchester treibt das Material in welligen Klangflächen voran, drei Holzbläser sorgen für zusätzlichen Würze. Offenbar lässt man sich in Georgien nicht so schnell den Optimismus verderben.

Politisch, wenn auch aus einer anderen Zeit, ist Alexei Machavarianis vierte, „Der Jugend“ gewidmete Symphonie von 1983 ebenfalls. Bombastisch, folkloristisch, eklektizistisch bedient sie sich eines Stilmischmaschs, der Breschnew erfreut hätte. Sowjet-Propaganda in Reinkultur. Wann hört man schon mal so etwas?

Von den drei Orchestern liefert das georgische unter Alexander Khaindrava dennoch die schwächste Vorstellung. Brav und ohne den Biss „der Jugend“ ist schon Mozarts erste Symphonie, wenig definiert und verschwommen dann auch die Solistin Nino Gvetadze in Chopins zweitem Klavierkonzert. Sicher: Das Orchester hat hier nicht viel mehr zu tun als einen Klanghintergrund zu liefern. Mehr Spielfreude und Angriffslust würde dennoch auch Chopin nicht schaden. Die sind bei der Jungen Philharmonie Aserbaidschan zweifellos vorhanden. Ob es mit dem Erdöl zu tun hat, das aus Aserbaidschan das „Land des Feuers“ gemacht hat? Der Klang ist jedenfalls wagemutiger, rauer, selbstbewusster, dabei heiter und lebensfroh, das Blech lässt die Haut kräuseln, ohne jene Grenze zu überschreiten, die die orchestrale Balance aus dem Gleichgewicht bringt.

Drei Generationen aserbaidschanischer Komponisten bringt das Orchester mit, darunter eine „Albanische Rhapsodie“ von Kara Karayev aus dem Jahr 1952, die originell und kompositorisch eigenständig ist und nicht nur, wie Machavarianis Symphonie am Vortag, Formen aneinanderpappt. Bei Tschaikowskys Fünfter wird der Klang der Aserbaidschaner seltsamerweise in den ersten beiden Sätzen stumpf und trocken. Er verliert an Glanz, das Feuer scheint erloschen, die Musiker angesteckt von der Melancholie des Stücks. Dann aber führen sie das Werk doch noch zu einem schlanken, eleganten Finale. Sicher, da und dort stimmt die Koordination zwischen den Stimmen taktweise nicht. Aber für ein Orchester, das erst 2008 – übrigens extra für das „Young Euro Classic“-Festival – gegründet wurde, weisen die Aserbaidschaner eine erstaunliche Spielkultur auf. Dirigent Fuad Ibrahimov versteht es, Ergebnisse von hoher Emotionalität und Tiefe zu erzielen.

Voller Tragik ist auch die armenische Geschichte. Das Land, das mit Georgien als Erstes (noch vor Rom!) das Christentum als Staatsreligion einführte, ist tief traumatisiert. Es war jahrhundertelang fremdbeherrscht, die Türken brachten vor 100 Jahren schätzungsweise eine Million Armenier um. Heute wird Armenien, das genauso groß wie Brandenburg ist, aber weniger Einwohnern als Berlin hat, eingezwängt von islamisch geprägten Kulturen.

Im Spiel des Youth State Orchestra of Armenia, das ein reines Streichorchester ist, findet sich von diesen psychischen Verwerfungen nichts wieder. Der Strich ist vital, breit, farbig, entschlossen und dabei noch eine Spur eleganter als bei den Aserbaidschanern. Gelegentlich dominieren Geigen und Bratschen die tiefen Streicher zu deutlich. Aber Dirigent Sergey Smbatyan entlockt seinen Musikern bei Tschaikowsyks Streicherserenade oder Schostakowitschs Kammersymphonie c-Moll trotzdem einen schimmernden Klang, den er offensiv formt und mit überraschenden dynamischen Attacken gestaltet. Wie sein georgischer und aserbaidschanischer Kollege hat er übrigens das Orchester selbst gegründet. Dass sich in diesen kleinen Ländern ambitionierte Musiker Ensembles selber schaffen und dabei erfolgreich sind: Das ist vielleicht die schönste Nachricht zur Halbzeit des Festivals.

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