Klassikkonzert : Finger aus Geist

Vierhändig: Die Pianisten Leif Ove Andsnes und Marc-André Hamelin spielen Strawinskys „Sacre du printemps“. Aus zwei Flügeln wurde eine Galaxis, sprühend und donnernd.

Volker Hagedorn

„Ich erwarte die Premiere wie ein verwöhntes Kind, dem man Marmelade versprochen hat“, schrieb Claude Debussy an Igor Strawinsky. Er hatte gerade mit dem Russen dessen „Sacre du printemps“ vierhändig gespielt – und erst aus dieser Fassung machte Strawinsky die Partitur, auf deren Uraufführung Debussy so gespannt war. Uns ging es jetzt wie ihm, nur umgekehrt. Verwöhnte Kinder, die wir sind, wollen wir nach vielen sinfonischen Sacres wieder an die Wurzeln, am liebsten mit zwei Pianisten, die mindestens so gut sind, wie es damals Debussy und Strawinsky waren. Ein spannenderes Duo als Leif Ove Andsnes und Marc-André Hamelin kann man sich dafür nicht denken.

Zwei Solisten saßen da an den beiden Steinways (denn statt der frühen vierhändigen Fassung gab es hier die für zwei Klaviere von 1947), Typen so unterschiedlichen Charakters, dass es nur danebengehen oder grandios werden konnte, für Mittelwege sind diese Männer nicht geschaffen. Andsnes, 1970 auf einer norwegischen Insel geboren, ist einer, der glasklar zum Unbewussten vordringt; geerdet wie wenige, sinnt er Tönen nach bis in jene Stille, in der sie entstanden, bewegt sich aber auch in intrikatesten Rhythmen so natürlich wie eine Gemse auf Felszacken und hat damit der Romantik, seinem Kernrepertoire, schon manchen Klischeemuff ausgetrieben.

Hamelin, neun Jahre älter, kommt aus Montreal und katapultiert eine Rarität nach der anderen ins Licht, getrieben von Intelligenz, mit Fingern aus Geist. So kamen hier Erde und Feuer zusammen, und dass die beiden Pianisten verschmelzen können wie sonst nur Streicher, hörte man schon in Debussys „En blanc et noir“. Das Fagott im „Sacre“-Anfang übernahm als „Secondo“ der Kanadier, nur hörte man hier weder ein Fagott noch ein Klavier, sondern einen Gedanken, eine Linie, ein zaubrisches Abstraktum, dem dann der Norweger chromatische Triolen unterlegte, die ihrerseits weniger an Klarinetten erinnerten als an einen grasigen Abhang, konturscharf von tief stehender Sonne beleuchtet.

Das Orchester war nur mehr Erinnerung gegenüber diesem Ereignis. Aus zwei Flügeln, ineinandergeschmiegt, wurde eine Galaxis, sprühend und donnernd. Ihr Farbenreichtum übertraf den eines Orchesters um jene Nuancen, die nur Kammermusikern möglich sind. So traumsicher spielen die beiden, dass man ihnen bei der Synapsenfusion zugucken und zuhören kann, gleichsam ein ideales Komponieren erlebend, bei dem jede Regung ohne Korrektur sofort ihren Platz hat. Und Körper wird: Dass das Klavier auch ein Perkussionsinstrument ist und der „Sacre“ ebenso viel Sex wie Geist hat, fuhr einem so ins Mark, dass weniger gesittete Zuhörer das Geschehen mit Freudenschreien akzentuiert hätten.

So blieb es bei Bravos im Anschluss. Wobei nicht vergessen sei, dass eine so kühne wie kluge Programmdramaturgie das mainstreamferne Gelände weiträumig erschloss: Andsnes und Mitglieder der Philharmoniker spielten zuvor das zwölftönige Septett des späten Strawinsky so intelligent, das verzweifelt trostsuchende Klavierquintett des frühen Schnittke so existenziell, dass beim Publikum sämtliche Rezeptoren freilagen für die 35 Minuten auf dem Gipfel.

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