Klassikmarkt : Dabeisein ist alles

Der Berliner Klassikmarkt steht vor dem Umbruch. Obwohl hier keine satten Gewinne zu holen sind, wollen die Künstler unbedingt in die deutsche Hauptstadt – und in ihrem Schlepptau auch die privaten Konzertagenturen.

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Diva gut. Sopranistin Anna Netrebko 2006 in der Waldbühne. Ganz links strahlt Veranstalter Peter Schwenkow.
Diva gut. Sopranistin Anna Netrebko 2006 in der Waldbühne. Ganz links strahlt Veranstalter Peter Schwenkow.Foto: IMAGO

Wer mit klassischer Musik Geld verdienen will, veranstaltet seine Konzerte nicht in Berlin. Sondern in Hannover, Stuttgart und München. Oder, noch besser, in Bielefeld und Münster. Also dort, wo viele Menschen wohnen, die überdurchschnittlich verdienen, aber relativ wenige Möglichkeiten haben, ihr Geld für Kultur auszugeben. In der Hauptstadt dagegen gibt es drei Opernhäuser und fünf Sinfonieorchester, die nicht nur auf hohem bis allerhöchsten Niveau spielen, sondern deren Programme auch weitgehend vom Staat finanziert werden. Diese aus der Nachkriegs-Zweiteilung Berlins ererbte Überfülle macht es kommerziellen Hochkulturveranstaltern fast unmöglich, hier auf ihre Kosten zu kommen.

Das hauptstädtische Publikum hat sich über Jahrzehnte an ein einmalig niedriges Preisniveau gewöhnt. Einen guten Platz bei den Philharmonikern gibt es ab 30 Euro, beim Deutschen Symphonie-Orchester bereits ab 22 Euro. Das führt dazu, dass die großen amerikanischen Orchester oder auch Spitzenensembles wie das Amsterdamer Concertgebouworkest auf ihren Tourneen Berlin notgedrungen umschiffen – es sei denn, das vom Bund finanzierte Musikfest im September lädt sie ein und subventioniert die Tickets. Selbst die alteingesessene Berliner Konzertagentur Adler macht einen Gutteil ihres Umsatzes in Köln.

Und doch drängen externe Klassikveranstalter massiv auf den Berliner Markt. Weil ihre Künstler unbedingt hier musizieren wollen. Nicht nur als touristisches Reiseziel verzeichnet Berlin jedes Quartal Zuwächse, auch in der Gunst der Sänger und Instrumentalsolisten rangiert die deutsche Hauptstadt mittlerweile vor fast alle anderen Kulturmetropolen der Welt. Die Plattenfirma Sony Classical hat ihre Europa-Zentrale im vergangenen Jahr von London nach Berlin verlegt, das Traditionslabel Deutsche Grammophon wird im Sommer 2011 an die Spree ziehen. Klassik-Boomtown Berlin.

„Die Künstler sind so scharf darauf, ihre Biografie mit einem Auftritt in der Berliner Philharmonie schmücken zu können, dass sie sich fast gegenseitig das Messer in den Rücken rammen, um als erster dranzukommen", erzählt Till Schoneberg. Mit der Konzertdirektion, die seinen Nachnamen trägt, bespielt er normalerweise zwei Inseln der Seligen: Münster und Bielefeld. Dort ist er etabliert, verdient gutes Geld. Im kommenden Jahr wird er 50 – und hat beschlossen, gerade jetzt ein Abenteuer anzufangen: „Wenn ich noch mal meinen Hut in den Ring werfe, dann in Berlin.“ Sein Credo, nur solche Orchester und Solisten zu präsentieren, die das in der jeweiligen Stadt übliche Niveau toppen, lässt sich in Berlin natürlich nicht realisieren. Denn auch für Schoneberg sind Rattles Philharmoniker die beste Klassiktruppe der Welt. Darum nähert er sich der Hauptstadt respektvoll, mit einer Kammermusik-Reihe.

Schoneberg hat sich den Otto-Braun- Saal der Staatsbibliothek ausgeguckt. In Sichtweite zur Philharmonie wird er After-Work-Konzerte anbieten, einstündige Veranstaltungen, die um 18.30 Uhr beginnen. So etwas, findet er, fehlt hier bislang. Gedacht ist die Sache für Büromenschen, die das Kurzkonzert als Einstieg für einen Ausgeh-Abend nutzen. Für ein Dinner ist es danach noch früh genug. Und der Eintrittspreis von 18 Euro liegt kaum über dem für eine feine Vorspeise.

„Neue Namen“ nennt Schoneberg sein Projekt. Er will keinen aufgeplusterten denglischen Titel, keinen Schnickschnack. Sondern einfach junge Künstler vorstellen, denen er eine Riesenkarriere zutraut. Am 30. November geht es mit dem 19-jährigen chinesischen Pianisten Haochen Zhang los.

Richtig klotzen wollen dagegen Andreas Schessl und seine Mitstreiter mit ihrem Hauptstadt-Auftritt. Hinter dem bombastischen Modetitel „First Classics“ verbirgt sich in der Tat eine kleine Sensation. Erstmals haben sich drei regional bedeutende Konkurrenten – Schessels „München Musik“, Reinhard Sölls Regensburger „Odeon-Concerte“ und die Konzertdirektion Schmid aus Hannover – zu einer strategischen Allianz zusammengeschlossen. Um die ganz Großen der Branche national noch besser vermarkten zu können: Am 31. Oktober kommt Lang Lang in die Philharmonie, am 2. November Rolando Villazon, später folgen Anna Netrebko und Cecilia Bartoli – das Bekannteste ist gerade gut genug.

Und die Schallplattenfirmen sind gerne mit dabei, auf den Plakaten prangt gut sichtbar die aktuelle CD des Künstlers. So funktioniert es bei den Pop- und Rock-Größen ja seit Jahren: Erst kommt das neue Album, dann die verkaufsfördernde Tournee. In der Klassik war es bislang anders üblich. Erst nachdem sich der Interpret jahrelang mit einem Stück auseinander gesetzt hatte, nahm er es für die Ewigkeit auf.

Andreas Schessl ist ein bedächtiger Feingeist, kein Abzocker. Wenn er dennoch auf dem Berliner Markt mitmischen will, dann aus purer Begeisterung für die hiesige Kulturszene. Er sieht es als Experiment, will austesten, was geht – auch beim Eintrittspreis. Die Ticketpreise fangen erst dort an, wo sie bei den subventionierten Konzerten normalerweise aufhören: Für Netrebko muss man mindestens 89 Euro hinblättern. Wer mag, kann bis zu 179 Euro investieren.

Ungewohnt zurückhaltend agiert dagegen Peter Schwenkow. Dabei gehört der Chef der „Deutschen Entertainment AG“ (DEAG) mit Sitz in Berlin zu jenen, die daran glauben, dass man Klassik popularisieren kann. Mit Open-Air-Spektakeln hat er gute Rendite erzielt – 2011 wird er wieder Anna Netrebko durch die Arenen schicken, zusammen mit ihren telegenen Gatten, dem Bassbariton Erwin Schrott und Jonas Kaufmann (am 16. August in der Waldbühne). Doch von der Idee, in der Hauptstadt Indoor-Konzerte zu veranstalten, hat er sich weitgehend verabschiedet. „Der Berliner Veranstaltungsmarkt ist gesättigt“, erklärte er jüngst im Wirtschaftsmagazin „Berlin Maximal“. Dass der Unterhaltungskonzern Sony letztes Jahr 49 Prozent der DEAG gekauft hat, schlägt sich lediglich in ein paar Auftritten von Sony-Geheimtipps wie Simone Kermes nieder. Umsatz macht Schwenkow derzeit jedenfalls lieber mit Barockkonzerten bei Kerzenschein in Großbritannien – und mit David Garrett.

Der Popstar mit der Geige ist sogar als Großaktionär bei der DEAG eingestiegen, die ihn rundrum betreut, von der Tourneeplanung bis hin zur Veröffentlichung von CDs und DVDs. Garrett verkauft sich derzeit so gut, dass Schwenkow ihm am 3. November die größte überdachte location der Hauptstadt gemietet hat, die O 2-World. Sollen sich doch andere mit konventioneller Klassik in Berlin eine blutige Nase holen.

In der Branche betrachtet man die Aktivitäten Schwenkows mit Misstrauen. Weil er vor allem als gewinnorientiert denkender Kaufmann wahrgenommen wird. Respektvoll dagegen sprechen sowohl Schessl als auch Schoneberg von der Konzertdirektion Adler. Trotzdem steht bereits jetzt fest, dass die traditionsreiche Agentur bei der Neuordnung der privatwirtschaftlichen Veranstalterszene in Berlin der große Verlierer sein wird. Firmen-Erbe Witiko ist jetzt 82 Jahre alt, seine Gattin Jutta zwar eine Generation jünger – doch beide repräsentieren in Geschmack wie Habitus genau jene bildungsbürgerliche Stammklientel, von der alle Publikumsforscher sagen, dass sie bald aussterben werde.

Der Kontrast zu smarten Kulturmanagern wie Schessl und Schoneberg, aber auch zum Berliner Konzerthaus-Chef Sebastian Nordmann könnte kaum größer sein. Hinzu kommt, dass beispielsweise die Berliner Philharmoniker immer öfter selber als Veranstalter auftreten. Sie laden befreundete Orchester ein, organisieren eigene Reihen mit Klavier- und Liederabenden – stets mit der Sicherheit im Rücken, Geld aus dem eigenen Etat zuschießen zu können, wenn das Konzert ein Minusgeschäft werden sollte. Das verzerrt den ohnehin schwierigen Markt noch zusätzlich.

Anfang Dezember kann Witiko Adler aber noch einmal einen echten Trumpf aus dem Ärmel zaubern. Für ihn spielen Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker alle Beethoven-Sinfonien an vier Abenden in der Philharmonie. Ein Großereignis, das sich selbst in Berlin zu jedem Preis ausverkaufen lässt.

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