Klassische Musik : Freud und Lied

Jedes Stück ein Drama: Thomas Quasthoff startet einen Gesangswettbewerb.

Frederik Hanssen
Quasthoff
Thomas Quasthoff -Foto: ddp

Zum Phänomen Paul Potts hat Thomas Quasthoff eine klare Meinung: Was der Castingshow-Gewinner in der Telekom-Werbung und den Mehrzweckhallen der Welt präsentiert, nennt er unumwunden „Popsülze“. Mit Klassik habe das sentimentale Gesäusel gar nichts zu tun. Schon gar nicht mit der Art von Klassik, die Quasthoff am Herzen liegt. Wenn Paul Potts „Nessun dorma“ schmachtet, hat der Bariton beobachtet, dann sieht man dem Laiensänger an, wie viel Kraft ihn das kostet. Das liegt vor allem an seiner mangelhaften Technik. „Die Kunst des großen Singens ist aber gerade, dass man die Anstrengung nicht sieht“, sagt Quasthoff. Somit sei Potts „der Antipode zu dem, was ich meinen Studenten vermittle“.

Seit Herbst 2004 ist der weltweit gefeierte Sänger auch Professor an der Berliner Musikhochschule „Hanns Eisler“. Hier arbeitet er mit dem begabten Nachwuchs nicht nur an perfekter Vokalbildung und tief gehender Textanalyse, sondern versucht seine Schützlinge auch für eine Kunstgattung zu begeistern, die im internationalen Klassikbusiness ein Schattendasein führt: das Kunstlied. Im Biedermeier hatte der nur vom Klavier begleitete Gesang seine Blütezeit, in den bürgerlichen Salons wurde die vertonte Lyrik gepflegt, in den Konzertsälen versammelte sich ein Kennerpublikum, das vor allem die Nuancen der Interpretation zu schätzen wusste. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die typisch deutsche Kunstform – die übrigens auch im Französischen oder Italienischen „lied“ genannt wird – durch Dietrich Fischer-Dieskau noch einmal fast populär. Inzwischen gehört Quasthoff zu den ganz wenigen Künstlern, die mit Miniaturen-Dramen von Schubert, Brahms oder Aribert Reimann noch die Philharmonie füllen können. Und das wurmt ihn.

Gerade in einer lauten Stadt wie Berlin liebt das Publikum die großen Besetzungen, zieht Bruckner-Sinfonien und Wagner-Opern den Streichquartett- und Liedaberabenden vor. Im historischen Meistersaal östlich des Potsdamer Platzes veranstalten der Bariton Sebastian Noack und der Pianist Manuel Lange tapfer eine kleine Konzertreihe, die Opernhäuser bieten vielleicht noch ihren Ensemblemitgliedern die Möglichkeit, im Foyer zur Klavierbegleitung aufzutreten, ansonsten schrecken die Veranstalter vor der schwer verkäuflichen Kunstform zurück. Die traditionsreiche Berliner Konzertdirektion Adler beispielsweise hat in dieser Saison keinen einzigen Liederabend im Angebot.

Darum hat sich Thomas Quasthoff entschlossen, einen Lied-Wettbewerb ins Leben zu rufen. Vom 18. bis 22. Februar werden junge Sängerinnen und Sänger aus aller Welt um Preisgelder in Höhe von 67 500 Euro kämpfen. Alle Preise werden dabei als Stipendien ausgeschüttet, damit die Nachwuchssolisten eine Zeit lang mal nicht aus finanziellen Erwägungen „auf jeder Hochzeit singen müssen“, wie Quasthoff es ausdrückt. „Ich wünsche mir, dass unsere Sieger die Gelegenheit nutzen, um sich ganz auf den Liedgesang zu konzentrieren, Meisterkurse zu besuchen, bei großen Pädagogen zu hospitieren.“ Auch Auftrittsmöglichkeiten hat der Bariton bereits für seine Preisträger organisiert, im Festspielhaus Baden-Baden, in der Londoner Wigmore Hall, in der Kölner Philharmonie und beim feinen Schweizer Lucerne Festival. Im Wiener Konzerthaus wird Quasthoff sogar selber einen Abend mit zwei Gewinnern aus Berlin moderieren.

Die Idee zum ersten internationalen Liedwettbewerb auf deutschem Boden trug der Sänger schon lange mit sich herum. Und er berichtete seinen Freunden und Bekannten von dem Plan, darunter das Unternehmerpaar Brigitte und Arend Oetker. Die Oetkers sagten spontan eine Förderung zu. Frau Oetker wiederum erzählte ihrer Freundin Johanna von dem Projekt: Kurze Zeit später meldete sich die alte Dame bei Thomas Quasthoff und erklärte, sie werde die noch fehlende Summe zuschießen.

Hochkarätig wie die Mäzene sind auch die Jurymitglieder. Neben den Sängerstars Christa Ludwig, Brigitte Fassbaender, Peter Schreier und Quasthoff werden die Pianisten Charles Spencer sowie Helmut Deusch dabei sein. Martin Engström, der Gründer des Verbier-Festivals repräsentiert die Veranstalter-Seite. Von den 127 Künstlern, die sich beworben haben, wurden vierzig Kandidaten für die Endausscheidung in Berlin ausgewählt. In drei öffentlichen Wettbewerbsrunden werden sie ab 18. Februar im Studiosaal der Eisler-Hochschule mit Werken von Robert Schumann und Franz Schubert gegeneinander antreten. Paul Potts darf übrigens nicht mitmachen, selbst wenn er sich trauen würde. Der 1970 geborene Brite liegt deutlich über der Alters-Höchstgrenze von 32 Jahren.

Informationen: www.das-lied.com

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