Klassische Musik : „Gute Laune? Das ist mein Job!“

Verbeugung vor Berlin: Dirigent Gustavo Dudamel über den Beethoven-Beat und das Klassikwunder von Venezuela. Ein Interview.

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We are family. Gustavo Dudamel im Kreise seiner venezolanischen Musiker. Foto: Rainer Maillard/DG

18 Uhr 30, Daniel Barenboims Dirigentenzimmer hinter der Proszeniumsloge im 1. Rang der Berliner Staatsoper. Gustavo Dudamel erscheint in Begleitung seiner Frau Eloisa, ein zuvorkommender, fröhlicher junger Mann, der partout nicht den Chefdirigenten-Sessel haben möchte, sondern lieber auf dem durchgesessenen schwarzen Ledersofa Platz nimmt. Mitten im Gespräch springt er unvermittelt auf, ruft: „Wann beginnt meine Vorstellung?!“, sprintet rüber in die Loge, wirft eine Blick in den Zuschauerraum: Noch leer! Erleichtert seufzend lässt er sich wieder auf das Sofa fallen.

Gustavo Dudamel, mit welcher Musik begeistert man junge Menschen für Klassik?

Mit Beethoven! Musik mit Symbolcharakter ist sehr wichtig. Wenn wir heute von Dingen wie Freiheit und Frieden reden, dann können wir leicht einen Zusammenhang mit Beethoven herstellen. Einmal bin ich mit dem Simon-Bolivar-Jugendorchester in meiner Heimatstadt aufgetreten, vor 10 000 Leuten in einem Stadion. Im ersten Teil gab es Mahlers Fünfte Sinfonie, im zweiten dann Beethovens Fünfte. Als der Beethoven anfing, ging ein Aufschrei der Begeisterung durch die Menge: Da steckt so eine Energie in dieser Musik, die sich sofort überträgt.

Wie ist es mit der höchst emotionalen Musik von Tschaikowsky?

Wenn Sie die Aufmerksamkeit von Kids erringen wollen, die noch nie in ihren Leben klassische Musik gehört haben, dann nehmen Sie Tschaikowsky. Seine Kompositionen entwickeln sich auf eine so klare, nachvollziehbare Weise, sie sind bildhaft wie Ballettmusik. Unser Körper fühlt, wenn wir uns auf- und abwärts bewegen, und genauso verhält es sich mit der Musik von Tschaikowsky. Richard Wagner spannt manchmal Bögen von einer Stunde Länge, bei Tschaikowsky ist alles unmittelbar, da kann der Körper, da können die Ohren ganz leicht den Strukturen folgen.

Gibt es eine spezielle Verbindung von russischer Seele und südamerikanischem Feuer?

Mein erstes Orchestererlebnis war Tschaikowskys Vierte Sinfonie. Ich saß mit meiner Geige am hintersten Pult der zweiten Violinen und hatte Gänsehaut am ganzen Körper. Da öffnete sich für mich der Zugang zu Klassik. Aber es ist ja nicht nur russische Musik, die so intensiv zu uns spricht: Denken Sie an die suggestive Sprache von Berlioz’ „Sinfonie fantastique“, da geht es wirklich ums Leben, ums Tanzen. Die Passage mit dem Opium lassen wir allerdings bei den Kinderorchestern lieber weg. (lacht)

Ist es für die Kids leichter, Musik mit starken Rhythmen zu spielen?

Der allererste Zugang funktioniert immer über das Klatschen: Es geht darum, ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass man selber die Geschwindigkeit der Luft kontrollieren kann. Das ist geradezu philosophisch gedacht: Die Kinder sollen nicht präzise einen Viervierteltakt schlagen lernen, sondern für sich selber entdecken, wie man Klänge und Rhythmen um sich herum entstehen lassen kann. So wird man zum Musiker.

Ihr Simon-Bolivar-Jugendorchester ist sehr kraftvoll – und sehr laut. Stellt sich erst mit zunehmender Reife die Fähigkeit ein, leiser, differenzierter zu spielen?

Ja, so läuft der Lernprozess ab. Am Anfang ist dein Instrument dein Körper, und du willst zeigen, wie viel Power du hast. Aber mit der Zeit entdeckst du dann verschiedene Klangfarben, merkst, dass man auf unterschiedlichste Weise laut spielen kann, eben nicht nur auftrumpfend, sondern auch mit innerer Kraft. Aber am Anfang, finde ich, sollen die jungen Musiker voll aus sich herausgehen, da sollen sie ruhig alles geben.

Wie war es für Sie, als Sie das erste Mal nicht vor einem Jugendorchester standen, sondern vor routinierten Profis?

Es geht ja für den Dirigenten darum, seinen eigenen Sound ins Orchester hineinzutragen. Ich arbeite darum immer auf dieselbe Weise, egal, ob Laien oder die Berliner Philharmoniker vor mir sitzen. Ich dirigiere jetzt seit 15 Jahren und habe einerseits gelernt, von der Erfahrung der großen Orchester zu profitieren, andererseits weiß ich mittlerweile auch, wie ich meinen Sound definieren kann. Sound ist Energie, und ich liebe es, wenn mir die Energie aus dem Orchester entgegenschlägt. Was nicht heißt, dass ich nicht auch ein Pianissimo genießen kann!

Sie sagen immer: Vergesst nie zu lachen, wenn ihr Musik macht!

Viele Musiker sehen es als einen Job an, zu dem man hingeht, seine Leistung abliefert und wieder verschwindet. Die Kinder in unseren Orchestern aber sagen: Ich spiele jedes Mal so, als ob es das letzte Mal wäre. Das ist für mich Kunst: Wenn ich sehe, wie die Kids vollständig von der Musik erfüllt sind.

Bei Ihrem künftigen Job als Music Director in Los Angeles wird dieses Erlebnis sehr viel schwerer herzustellen sein.

Jeder von uns hat doch dieses Gefühl in sich. Auch wenn Sie schon 80 Jahre Erfahrung als Musiker auf dem Buckel haben – die Liebe ist noch da drinnen! Also genießt doch, was ihr tut! Ohne Leidenschaft geht die Magie der Musik verloren und es bleibt nur Perfektionismus übrig.

Wessen Job ist es, die Freude ins Orchester zu bringen?

Meiner. Es geht darum, die Energie des Augenblicks zu nutzen. Dafür muss ich natürlich genau wissen, was ich will, denn das Orchester merkt sofort, ob jemand gut vorbereitet ist. Dann nehme ich die Energie des Orchesters auf und mache etwas daraus. Und wenn es klappt, dann können wir alle stolz darauf sein!

Deutschland war sehr wichtig für Ihre Karriere. Am Anfang stand Claudio Abbado.

Als Abbado 1998 mit dem Gustav-Mahler-Jugendorchester eine Südamerikatournee machte, dirigierte ich das nationale Kinderorchester. Abbado und seine Musiker kamen zu einer unserer Proben, und wir wurden daraufhin eingeladen, im Jahr 2000 in Berlin zu gastieren. 2002 kamen wir wieder, und da lernte ich Abbados Nachfolger Simon Rattle kennen. Er lud mich ein, ihm 2004 zwei Monate lang zu assistieren. Für mich fühlte es sich an wie zehn Jahre, so viel habe ich gelernt!

Selbst eine Kulturnation wie Deutschland blickt neidisch auf Venezuela, wo alle Kinder kostenlos Musikunterricht erhalten. El Sistema will aber nicht massenweise Berufsmusiker produzieren, oder?

Nein, es geht vor allem darum, die Gesellschaft zu befrieden. Mit einem Instrument in der Hand kann sich wirklich das Leben der Kinder in den Barrios, den Armenvierteln, ändern. Denn was lernt man im Orchester als Allererstes? Wie man in einer Gemeinschaft zusammenhält! Vielleicht bist du nicht einverstanden, wie der Mensch neben dir die Musik interpretiert, vielleicht hast du etwas gegen den Stil des Dirigenten, aber beim Konzert gibst du dann trotzdem alles, damit eine perfekte Harmonie entsteht. So wachsen verantwortungsvolle Bürger heran. Was auch immer unsere Kinder später für einen Beruf ergreifen – und die allerwenigsten werden Musiker –, es bleibt ihnen immer die Erfahrung des Sistema. Sie kommen zu den Konzerten, sie tragen die Begeisterung für klassische Musik in die nächste Generation weiter. Das funktioniert wie eine Lawine.

El Sistema wird vom Staat bezahlt. Welchen Einfluss nimmt denn die Politik?

Das Sistema ist absolut unpolitisch. Die Organisation existiert jetzt 30 Jahre und hat sechs Regierungen unterschiedlichster Couleur überlebt. Das ganze Land ist so stolz darauf, was hier erreicht worden ist. Wenn das Bolivar-Orchester in den USA oder Europa gefeiert wird, freuen sich alle Venezuelaner mit. Das Orchester ist ein Symbol der nationalen Einheit, genau wie Flagge und die Nationalhymne.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Politiker wie der derzeitige Präsident Hugo Chavez nicht versucht, El Sistema für seine Zwecke zu instrumentalisieren!

Nein, das versucht er gar nicht. Denn el sistema gehört uns allen, egal, welcher Religion oder politischen Gesinnung wir angehören, egal, ob wir arm sind oder reich. In den Konzerten kommen sie alle zusammen, hier werden die Gegner vereint in der Begeisterung für die Musik. El Sistema ist nun einmal die Zukunft unseres Landes.

Das Gespräch führte Frederik Hanssen.

Gustavo Adolfo Dudamel Ramirez kommt am 26. Januar 1981 in Barquisimeto, Venezuela, zur Welt. Als Fünfjähriger wird er in das Sistema aufgenommen, das nationale Förderprogramm, das allen Kindern kostenlosen Musikunterricht anbietet. Mit zwölf Jahren steigt er erstmals auf ein Dirigentenpult. 1999 übernimmt er die Leitung des nationalen Jugendorchesters Simon Bolivar.

Der Sieg beim Dirigentenwettbewerb Bamberg markiert 2004 den internationalen Durchbruch. Seit 2007 ist er Chef der Göteborger Symphoniker, 2008 hat er bei den Berliner Philharmonikern debütiert, im Herbst tritt er sein Amt als Music Director beim Los Angeles Philharmonic an. An der Berliner Staatsoper leitet er heute sowie am 31. März Mozarts „Don Giovanni“.

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