Klassische Musik : Mozarts "Requiem" als Performance im Radialsystem

Tobias Schwenke hat die Totenmesse für eine Minimalbesetzung so arrangiert, dass sie nicht nach Salonorchester klingt, sondern abgedunkelt und doch griffig.

Volker Hagedorn

Fort sind sie, die großen Chöre, die großen Orchester, entlassen, geflohen, ihre Stühle und Notenständer verschrottet, sie türmen sich zu einem düsteren Berg. Aber ein paar Künstler haben noch nicht begriffen, dass es aus ist mit dem Musikleben. Sie sind doch feingemacht für Mozarts „Requiem“, die vier Gesangssolisten, die vier Streicher und zwei Holzbläser, sie gehen ratlos umher und fangen einfach an. Im Dunkeln, denn nun ist auch noch das Licht erloschen.

Als es wieder angeht an diesem erstaunlichen Abend im Radialsystem, beginnen die Fassaden zu bröckeln. Die Musiker sind gestrandet, sie richten sich ein in den Trümmern des Konzertbetriebs, wo auch noch ein Gitarrist und ein wildhaariger Fuzzi an der Hammondorgel herumlungern. Dieser Fuzzi ist Tobias Schwenke, der Mozarts Totenmesse für diese Minimalbesetzung so arrangiert hat, dass sie nicht nach Salonorchester klingt, sondern abgedunkelt und doch griffig. Die Gesangssolisten übernehmen auch die Chorpartien und schonen sich überhaupt wenig. Denn Regisseur Andreas Bode arrangiert in tönenden wie stillen Szenen eine Versuchsanordnung über Beziehungen in instabiler Lage. Der Bassist steckt mit einem spastischen Tanzanfall die Kollegen an, bis die Sopranistin den Spuk mit einer Ohrfeige beendet und man sich zum „Kyrie“ berappelt. Eine Prügelei endet, als von oben ein Stuhl herunterkracht: Droht Gott? Zum „Dies irae“ drängeln sich alle verschreckt zusammen, pianissimo.

Anders als Sebastian Baumgarten, der an der Komischen Oper die „Requiem“- Partitur zum Soundtrack eines Sterbediskurses machte, arbeitet Bode direkt mit der Musik, verbindet Töne und Gesten. Der E-Gitarrist eröffnet das „Rex tremendae“ auf der Stuhlhalde posierend, Popstar und Prophet, ein Bild mit Ironie, das der Musik gleichwohl ihre Größe lässt. Dennoch berührt sie selten tief. Denn Bode lässt seine Gruppendynamik kaum je in jenes Leere laufen, von dem sie unterhöhlt ist, fast zu kurzweilig geht es zu zwischen Todesangst und Eifersucht. Doch wie virtuos und individuell hier neben den Sängern auch die Instrumentalisten zu Darstellern werden, das setzt Maßstäbe für diese Art von Musiktheater: Eine Partisanenkunst, die in Krisen wächst. Volker Hagedorn

Wieder am 14. und 15. März, 20 Uhr.

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