Klassische Musik : Youtube: Am digitalen Pult

Der erste Auftritt des Youtube-Sinfonieorchesters: Die Nutzer konnten darüber abstimmen, welche der 3000 Bewerber am 15. April in New York in einem realen Orchester spielen werden.

Udo Badelt

Schnell wie ein Raubvogel im Sturzflug oder schwebend wie eine Taube am Mittagshimmel? Wer wissen will, wie unterschiedlich das Presto aus Bachs g-Moll-Solosonate interpretiert werden kann, wird ausgerechnet in einem Medium fündig, in dem man solche Musik am wenigsten erwartet. Ein Klick auf die Seiten des Youtube-Sinfonieorchesters genügt, um sich Clips von Musikern aus fünf Kontinenten anzuhören, die beim ersten Online-Orchester der Welt mitmachen wollen. Junge Menschen stellen sich fünf Minuten vor die Kamera und zeigen, was sie auf ihrem Instrument drauf haben. Die Werke sind vorgegeben, die Geiger haben die Wahl zwischen dem 24. Capriccio von Paganini, dem zweiten Satz aus Mozarts Es-Dur-Sinfonie KV 543 oder eben Bachs Presto-Stücken, die so kristallklar komponiert sind, dass sie jeden Fehler erbarmungslos ans Licht bringen. Die Youtube-Nutzer konnten darüber abstimmen, welche der 3000 Bewerber am 15. April in New York in einem realen Orchester spielen werden.

Die meisten Kandidaten kommen aus Nordamerika, an zweiter Stelle rangiert Italien, an dritter der deutschsprachige Raum. Mitglieder des London Symphony Orchestra, die das Projekt international bewerben, hatten in einer ersten Runde 200 Nachwuchsmusiker vorausgewählt, Anfang März wurden dann jene 80 Instrumentalisten bekannt gegeben, die in der Carnegie Hall unter Michael Tilson Thomas auftreten werden. Der chinesische Komponist Tan Dun, bekannt geworden mit seiner Filmmusik zu „Tiger and Dragon“, hat für Youtube eine Kurzsinfonie in Westernmanier mit Anklängen an Beethovens „Eroica“ geschrieben.

Ganz so virtuell ist das Projekt (www.youtube.com/symphony) auch wieder nicht. Allerdings plant Youtube, die einzelnen Orchesterstimmen, die die Teilnehmer auf Video eingespielt haben, zusammenzuschneiden, die Tonspuren übereinanderzulegen und so ein rein virtuelles Ensemble zu schaffen, das im Internet zu sehen und zu hören sein wird.

Wozu das Ganze? Offenbar will Youtube, eine der beliebtesten Websites, beweisen, dass sie nicht nur eine Plattform für populäre Musik, sondern auch für Kunstmusik sein kann. „Die Idee entstand während eines Workshops, in dem es darum ging, sich spannende und noch nie dagewesene Aktionen für die Seite zu überlegen“, sagt Henning Dorstewitz vom deutschen Youtube-Ableger in Hamburg. Es funktioniert. Noch nie dürften so viele angehende Konzertmusiker ihre Clips online gestellt haben.

Die Berliner Philharmoniker unterstützen das Projekt von Deutschland aus. Christoph von der Nahmer (Geige) und Nikolaus Römisch (Cello) erklären online, wie die jeweiligen Stimmen in Tan Duns Komposition zu spielen sind. Seit Dezember haben die Philharmoniker mit der „Digital Concert Hall“ ohnehin ihre eigene Version eines Online-Orchesters in Betrieb genommen. Von jedem Ort der Erde aus kann man seither für 9,90 Euro die Philharmoniker-Konzerte live und – bei entsprechender Übertragungsrate – in bester Ton- und Bildqualität im Netz verfolgen oder aus dem Archiv anhören.

Dennoch glaubt niemand, dass die Konzerthäuser eines Tages schließen werden, weil alle nur noch vor den Rechnern hängen. Wahrscheinlicher ist, dass die zusätzlichen medialen Angebote mehr Zuschauer in die Säle locken.

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