Kultur : Klassischer Kraftakt

Diese Woche beginnt das 13. „Young Euro Classic“-Festival in Berlin. Schauplatz ist das Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Die Organisation ist jedes Jahr eine logistische Herkulesaufgabe.

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Planung ist alles. „Wir werden vorher gefragt, was wir aus religiösen Gründen nicht essen dürfen“, erzählt der türkische Geiger Önder Baloglu. Foto: Kai Bienert/Young Euro Classic
Planung ist alles. „Wir werden vorher gefragt, was wir aus religiösen Gründen nicht essen dürfen“, erzählt der türkische Geiger...

Irgendwo beim Ausladen aus dem Flugzeug musste es passiert sein: Das Cello eines jungen kolumbianischen Musikers war kaputtgegangen, einen Tag vor dem Konzert. „Aber da hatten wir ja noch 24 Stunden Zeit, um Ersatz zu organisieren“, erinnert sich Johanna von Kuczkowski, Orchestermanagerin bei Young Euro Classic. Solche Schreckmomente gibt es bei der Durchführung des weltweit größten Jugendorchester-Festivals natürlich immer wieder. „Wir haben ein gut aufgestelltes Team, das im Notfall sofort losrast“, sagt Projektleiterin Maya Nowbary. „Ob zum Geigenbauer, ins Krankenhaus oder wegen der kaputten Brille zum Optiker.“

Das „Young Euro Classic“-Festival, das in diesem Jahr zum 13. Mal von Gabriele Minz und ihrer Truppe organisiert wird, ist ein logistisches Großereignis mit über 30 Konzerten an 17 Tagen und 1220 jungen Musikern aus Ländern wie Südafrika, China, Kanada, Bulgarien, Singapur, Russland oder Frankreich. Ein Kraftakt, der jedoch von gerade einmal zehn festen und einer Handvoll freier Mitarbeiter gestemmt wird.

„Übers Jahr bewerben sich etwa 30 bis 40 Orchester bei uns, die verschiedene Kriterien erfüllen müssen“, sagt Mona Hornung, Kommunikations-Managerin für das Festival. Jedes Orchester soll bei „Young Euro Classic“ möglichst Werke eines nationalen Komponisten spielen, eine Uraufführung oder deutsche Erstaufführung sowie ein großes symphonisches Werk des 19. oder 20. Jahrhunderts. Der künstlerische Leiter Dieter Rexroth wählt die Bewerber aus und versucht dann, ein Konzept für das kommende Festival abzuleiten.

Die Planung beginnt früh: „Wir denken jetzt schon an 2014“, sagt Hornung, „direkt nach dem aktuellen Festival wird das Programm für 2013 schon relativ konkret sein, und zu Weihnachten sind alle Zusagen da und die Abende stehen.“ Danach folgen sechs Monate für die konkrete Organisation. Viel Arbeit, doch Nowbary verweist auf das gute Netzwerk aus Dienstleistern und Kooperationspartnern, das sich das Festival mittlerweile aufgebaut hat: „Dadurch sitzen wir hier nicht mit Augenringen da.“

Für die Musiker im Alter zwischen 16 und 30 Jahren ist die Teilnahme terminlich meist kein Problem, da das Berliner Festival in den Schul- beziehungsweise Semesterferien stattfindet. Auch fertiggeprobt sind fast alle Orchester bei ihrer Ankunft bereits, schließlich bleiben die tourenden Ensembles zumeist nur zweieinhalb Tage lang in Berlin. Bevor ein Hotel gebucht wird, klären die Organisatorinnen, dass die Musiker dort nicht nur Schnitzel und Bratkartoffeln vorgesetzt bekommen. „Wir wurden vorher gefragt, ob wir Vegetarier sind oder was wir aus religiösen Gründen nicht essen dürfen“, lobt der türkischstämmige Geiger Önder Baloglu (24) vom Ensemble Turquoise, das auch dieses Jahr beim Festival auftreten wird. „Das sind Sachen, durch die ein Konzertabend kippen kann“, so Maya Nowbary. „Chinesen rasten aus, wenn sie morgens Brötchen essen müssen – in China isst man auch zum Frühstück und Abendbrot immer warm, zum Beispiel Reis oder Suppe.“ Zudem sollten Hotels natürlich möglichst nah am Konzerthaus am Gendarmenmarkt liegen, um lange Wege zu vermeiden. „Orchester können schon wie ein Sack Flöhe sein“, meint Nowbary.

Eine Herausforderung ist jedes Jahr aufs Neue die Finanzierung: Neben vielen Sachspenden etwa von Hotels hat das Festival zahlreiche Sponsoren. Von staatlicher Seite kommen 15 0000 Euro aus dem Fördertopf der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin. Rund 300 000 Euro bringen die Ticketeinnahmen – „ungewöhnlich viel für Klassikkonzerte“, sagt Nowbary. Vor allem, wenn man bedenkt, dass alle Eintrittskarten nur 16 Euro kosten.

Ein wichtiges finanzielles Standbein ist seit dem Krisenjahr 2009 das Crowd- oder Fan-Funding. Dadurch konnten im vergangenen Jahr 30 000 Euro gesammelt werden – private Spenden, ohne die speziellere Projekte wie das diesjährige „African Jazz“-Treffen zwischen deutschen und südafrikanischen Musikern kaum möglich wären. „Uns ist kein Spendenbetrag zu gering“, betont Mona Hornung, „selbst für fünf Euro kann man Noten kaufen!“ Erik Wenk

Konzerthaus am Gendarmenmarkt, 26.7. bis 12.8., Tickets 16 €, Weitere Infos unter www.young-euro-classic.de

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