Kultur : Klatschen verboten!

Jörg Königsdorf

Vor einer Woche, Komische Oper , Premiere von Händels „Orest“ . Fünf Sekunden Stille nach dem Schluss von Iphigenies erster Arie. Fünf Sekunden, in denen das Stimmungsbarometer von andächtigem Nachklingenlassen in Verunsicherung umschlägt. Soll man, darf man klatschen? „Das war doch nun wirklich schön gesungen!“, ruft schließlich eine zaghafte Frauenstimme vom Rang und verleiht dem kollektiven Gefühl eine Stimme. Tatsächlich ist die Applaus-Frage heute in der Oper weit schwieriger zu beantworten als noch vor fünfzig Jahren oder gar zu Händels Zeit: Der wäre vermutlich beleidigt gewesen, wenn das Publikum nicht nach jeder Nummer geklatscht hätte und hätte die betreffenden Arien bis zur nächsten Vorstellung einfach ausgetauscht. Doch statt sich einfach den großen Gefühlen hingeben zu dürfen und nach Herzenslust klatschen zu dürfen, muss der Opernbesucher heute auch noch die feinfühlige Entscheidung treffen, wann eine Beifallsbekundung angemessen ist und wann nicht. Schuld daran ist natürlich wieder mal die Regie: Um die Spannung eines Abends nicht zu unterbrechen, wenden Regisseure alle Tricks an, um das Publikum an potenziellen Applaus-Stellen zu überrumpeln. Zack, zack, geht die Aktion noch im verklingenden Schlussakkord weiter – oder noch gemeiner, der fragliche Akkord kommt gar nicht erst, die Musik stürzt unerlöst gleich ins nächste Rezitativ oder verplätschert sanft in der Endlosschleife einer repetierten Schlussfloskel. Sebastian Baumgarten jedenfalls hat sich dazu eine Menge einfallen lassen und passt auf, dass seine Darsteller nicht etwa (wie ihre Kollegen in Italien) am Ende ihrer Arien in jenen lauernd-fordernden Freeze-Posen erstarren, aus denen sie nur der Beifall erlösen kann. Bei „Orest“ (wieder heute und am Mittwoch) funktioniert die Publikumseinschüchterung jedenfalls so gut, dass sich kaum einer traut, nach den Arien zu klatschen. Und das, obwohl jene Dame von oben nun wirklich Recht hatte.

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