Kultur : Klau dich reich

Nie war Pop so schräg: das „Maximum Black Festival“ im Postbahnhof

Jörg W,er

Kurz nach Mitternacht ist es endlich soweit: Der Kanadier Owen Pallett alias Final Fantasy spielt den Song, der das „Maximum Black Festival“ überhaupt erst möglich gemacht hat: „This ist the Dream of Win & Regine“, eine Hommage an Arcade Fire, wurde in einer unautorisierten Coverversion für einen Werbespot der Wiener Stadtwerke verwendet. Den drohenden Rechtsstreit konnte der Energieversorger vermeiden, indem er sich bereit erklärte, ein von Pallett ausgerichtetes Musikfestival in den drei Städten Wien, London und Berlin zu finanzieren. Der hat die Chance genutzt, um außergewöhnliche Bands und Künstler zu einem fast sechsstündigen Paket musikalischer Seltsamkeiten zu schnüren.

Den Auftakt im Postbahnhof machen Frog Eyes, ein Quartett aus dem kanadischen Westen, deren ländlicher Wahnsinn einen guten Vorgeschmack gibt. Zwei Holzfällerhemdenjungs zerren reverbgesättigte Sumpfrock-Texturen aus ihren Gitarren. Bandleader Casey Mercer verfällt beim Singen in wild tremolierendes Gejodel, Melanie Campbell spielt ein auf tribale Rhythmen reduziertes Schlagzeug.

Durch zwei Bühnen werden lästige Umbaupausen vermieden. Die Raucherfraktion schmökt schnell eine, schon geht’s im großen Saal weiter mit den Dirty Projectors. Die gelten als Band des New Yorkers Dave Longstreth, aber was wäre der lange Schlacks mit in Brusthöhe umgeschnallter Gitarre ohne seine bezaubernden Begleiterinnen: Amber Coffman und Angel Deradoorian sehen so unschuldig-minderjährig aus, als hätte sie der große, böse Landreth aus einem Mormonenchor entführt. Das Zusammenspiel mit dem ständig am Rande der Ekstase rumpelnden Drummer ist unglaublich. Von Schreien zergellte No-Wave-Explosionen, Call-and-Response-Engelschöre, rückwärts gesungene Melodien, verzahnte Gitarrenlinien: Was bei einer Band wie Vampire Weekend fürs Collegeradio gezähmt wird, überrollt einen bei den Dirty Projectors in wilder Schönheit.

Nach diesem Adrenalinstoß sind Six Organs Of Admittance das Richtige zum Runterkommen. Denkt man. Zunächst knispelt der Kalifornier Ben Chasny entspannte Folkminiaturen. Dann stöpselt eine finster dreinblickende Rothaarige ihre Gitarre ein, und die Hölle bricht los: Elisa Ambroglio fällt mit exzessivem Feedbacklärm über die harmlosen Liedchen her. Auf Dauer klingt das Geschabe indes reichlich schematisch. Aber das ist ja das Schöne an diesem Abend: Alles wird in homöopathischen 45-Minuten-Dosen verabreicht. Im schlimmsten Fall gähnt man herzhaft, im besseren schreit man begeistert nach mehr.

Letzteres ist bei Deerhoof der Fall. Allein Greg Sauniers mörderisches Getrommel ist den Eintrittspreis wert: Mit nur einer Snare, einem Becken und einer Bassdrum veranstaltet er unfassbaren Schießbudenzauber und dengelt mit der bloßen Hand weiter, wenn er mal wieder ein Drumstick zerprügelt hat. Zum Turbo-Geschredder der beiden Gitarren singt Bassistin Satomi Matsuzaki mit schriller Yoko-Ono-Stimme. Am beeindruckendsten aber ist, wie sich die komplexe, schwierige Musik der Breakcore-Irren aus San Francisco immer wieder erhabene Popmomente erkämpft.

Als sich die Publikumsreihen schon lichten, tritt der Held des Tages auf: Durch Loops multipliziert Owen Pallett sein virtuoses Violinenspiel zum Einmannorchester, dazu singt er mit britisch gefärbter Stimme ergreifende Songs, die von rührenden Overheadprojektor-Animationen illustriert werden. Abseitiger Kunstpop von exquisiter Zartheit, der manchmal wie Belle & Sebastian im Michael-Nyman-Remix klingt.

Das Arsenal an schrägen Gestalten ist damit nicht erschöpft. Kurz vor eins tobt Max Tundra vor einem Häuflein Aufrechter: ein durchgeknallter Brite, der zu selbstgebastelten Breakbeatgewittern wie eine Justin-Timberlake-Travestie berserkert. Tränentreibender Irrsinn und passender Abschluss eines denkwürdigen Abends, der für jede mögliche Sackgasse der Popmusik unerwartete Auswege bereithält. Künstlerisch ein voller Erfolg, wäre das ohne kommerziellen Hintergedanken zusammengestellte „Maximum Black Festival“ den Veranstaltern finanziell wohl auf die Füße gefallen, weil die Zuschauerzahl geringer als erwartet war. Dank des unfreiwilligen Mäzenatentums muss sich aber niemand Sorgen machen. Vielleicht können hiesige Großunternehmen ja auch mal „aus Versehen“ einen Song klauen, damit dieses vorbildliche Modell Schule macht.

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