Kultur : Klau dir den Bau aus Goethes Garten (Glosse)

Clemens Wergin

Die Japaner sind die Meister der Mimikri. Was haben sie uns nicht alles abgeschaut, von den Autos bis zu den Fotokameras und dem Faxgerät. Nichts war davor sicher, entdeckt, kopiert und verbessert zu werden. Und wenn ein Produkt von Japanern imitiert wird, gilt das als Qualitätssiegel. Nur das Spitzenprodukt taugt ihnen zum Plagiat. Doch ihr Drang nach Vorbildern, die sie zu Abbildern formen können, macht nicht Halt beim Materiellen. Nirgendwo ist die idealistische deutsche Philosophie bis heute so gefragt wie in Japan, und als die Kinder Nippons sich auf die Suche nach einem bürgerlichen Gesetzbuch machten, schnappten sie sich einfach das deutsche BGB und übersetzten es ins Japanische.

Die deutsche Romantik weckt heute noch sehnsüchtige Gefühle in japanischen Touristen. Rothenburg ob der Tauber und Neuschwanstein sind in Japan wohl die bekanntesten deutschen Orte. Scheint die Welt dort doch nach so spitzwegisch-biederer Art heil und wohlgeordnet. Trotzdem ist das Verhältnis der Japaner zu Deutschland keineswegs vergleichbar mit dem der Deutschen zu Mallorca. Die Japaner, denen europäische Reisende im 19. Jahrhundert noch nachsagten, arbeitsscheu und faul zu sein, haben immer nach Beispielen gesucht, an denen sie sich ausrichten und die sie perfektionieren konnten. Deutschland sollte der inneren Bildung dienen, nicht wie in den Bars von Palma dem Entfesseln des inneren Schweinehundes.

Berühmt geworden ist die Geschichte vom verdienten japanischen Arbeiter, dessen Firma ihn mit einigen Kollegen zur Bonusreise nach Rothenburg ob der Tauber schickte. In einem unbeobachteten Moment, den auch einen japanischen Gruppenreisenden in einem mittelalterlichen Turm erleben kann, hinterließ er seinen Namen auf der Wand. Uns kann so etwas ja nicht mehr erschrecken. Bei uns fühlt sich jeder heute bemüßigt, zur Markierung seiner flüchtigen Existenz auf Erden das Bein zu heben und etwas Farbe auf Mauern und Fensterscheiben zu pinkeln. Die nächste Firmenabordnung aus Japan jedoch war entsetzt, als sie am heilig-romantischen Ort den Namen des Kollegen entdeckte. Zurück zu Hause war der Teufel los, der Delinquent wurde gezwungen, auf Firmenkosten nach Rothenburg zu fliegen und sich im Namen Japans und der Firma beim Bürgermeister zu entschuldigen.

Sich solcherart vor den bleichen Langnasen zu demütigen wäre nicht notwendig gewesen, wäre Rothenburg transportabel wie ein VW-Käfer. Dann hätte man es einfach nach Japan verschifft und Besuchern bei ordentlichen Kontrollen auf die Filzstiftegeguckt. So verwundert es nicht, dass Japan jetzt zuschlägt, wo sich eine einmalige Gelegenheit bietet: Goethes Weimarer Gartenhaus ist zu haben. Zwar auch nur als Kopie, aber stört ja nicht. Schon abgebaut und verpackt wartet es auf einen neuen Besitzer. Im japanischen Kamata soll es wiedererstehen, allein der Preis steht noch nicht fest. Eine glänzende Idee: Dem Geist- und Techniktransfer folgt jetzt auch der Gebäudetourismus. Sollte in Kamata ein Deutschland-Park entstehen, plädieren wir nicht nur für die Rekonstruktion des klassischen und romantischen Deutschland, sondern auch für einen Park-Bezirk unter dem Titel "Geisterbahn Germania". Anzubieten hätten wir dafür das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, den Führerbunker in Berlin und als Zugabe den Palast der Republik. Diesmal sogar im Original. Und gratis.

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