Kultur : Klau, schau, wem

Wettbewerb (1): Hannes Stöhr schickt fünf Menschen auf Reisen, in „One Day in Europe“

Christina Tilmann

Es ist das Finale der Champions League. Galatasaray Istanbul spielt gegen Deportivo La Coruña in Moskau – und die Welt steht still. Sei es auf der Moskauer Polizeiwache, wo einige randalierende spanische Fußballfans gelandet sind, oder im fernen Santiago de Compostela, wo es einen Diebstahl zu ermitteln gilt, sei es in Istanbul oder Berlin, wo türkische Flaggen aus den Fenstern hängen: Überall läuft der Fernseher, verharren die Menschen davor, bleibt der Alltag stehen und liegen. Fußball verbindet die Welt, Europa allemal. Fußball – und Kriminalität.

Vier Städte, vier Episoden am Tag des fiktiven Endspiels hat der Regisseur Hannes Stöhr („Berlin is in Germany“) gewählt, um von diesem etwas anders vereinten Europa zu erählen. Eine Britin in Moskau, Franzosen in Berlin, Deutsche in Istanbul und Ungarn in Spanien: Locker fliegt ein Zeichentrick-Flugzeug auf der Landkarte hin und her, zieht Linien zwischen den verschiedenen Städten und gibt den Ton vor: bitte nicht zu ernst. In „One Day in Europe“ triumphiert das Klischee – auf liebenswürdige Weise.

Schon in der ersten Szene. Eine genervte britische Geschäftsfrau (Megan Gay), frisch in Moskau gelandet, streitet per Handy mit ihrem Freund, während sie ins Taxi steigt. Klar, dass der Taxifahrer sie keineswegs in ihr Hotel, sondern schnell um die Ecke bringt, wo seine Kumpane schon mit Messern lauern. Koffer, Handy, Portemonnaie – alles weg. Wäre da nicht die Nachbarin, die die Hilflose auf die Polizeiwache begleitet und geduldig ausharrt, während die Polizisten mehr mit der Fußballübertragung beschäftigt sind als damit, die Anzeige aufzunehmen. Und wäre nicht ihr Sohn, der als Retter in der Not erscheint und der ... – die schöne Pointe sei hier noch nicht verraten.

Nächster Spielzug: Istanbul. Ein deutscher Rucksacktourist (Florian Lukas), blondgefärbt, cool und ahnungslos, möchte seine Reisekasse per Versicherungsbetrug aufbessern, täuscht einen Raubüberfall vor und trifft auf einen schwäbelnden Taxifahrer, der den Diebstahlsverdacht als Angriff auf die eigene Ehre versteht und lieber selbst die Räuber jagen würde als den Fahrgast zur Polizei zu bringen. Dort wird das vermeintliche Opfer selbst zum Verdächtigen. Fast wäre er aus der Wache nicht mehr herausgekommen, wenn da nicht der Fußball ...

Und noch ein Diebstahl, in Santiago de Compostela. Ein ungarischer Pilger (Peter Scherer), der sich vor der Kathedrale fotografieren lassen will. Ein Spanier, der mit der Kamera davon läuft. Ein weniger hilfsbereiter, dafür umso freundlicherer Offizier. Ein Überwachungssystem, das lieber schöne Frauen als Diebe aufzeichnet. Und, man kennt das jetzt schon, die Beamten, die lieber Fußball sehen als sich um hilflose Pilger zu kümmern.

Nur in Berlin, der letzten Station von „One Day in Europe“, wird offenbar überhaupt nicht gestohlen. Allerdings kann genau das auch Probleme bereiten. Ein französisches Pärchen (Boris Arquier und – wunderbar – Rachida Brakni), Schausteller ohne Erfolg, fasst den gleichen Plan wie der Deutsche in Istanbul, um an dringend nötiges Geld zu kommen. Die beiden wollen zwecks Versicherungsbetrug einen Raub vortäuschen. Aber Berlin ist die sicherste Großstadt der Europäischen Union, ausgeraubt wird man hier nicht. Schon gar nicht in den Vorstädten, wo weder Skinheads noch türkische Banden ihr Unwesen treiben. Selbst die Polizei spricht Französisch und ist so hilfsbereit, dass es mit der Anzeige wohl nichts wird.

Ahnungslosigkeit und Hilfsbereitschaft, Desinteresse und Schlawinertum: Mit dem Charme der Leichtigkeit erzählt Stöhr von menschlichen (Un-)Tugenden. Die Polizisten sind die Bösen, die Dummen bleiben die Dummen. Und schon fliegt das Flugzeug weiter. Kleinere Verluste sind unvermeidlich in diesem polyglotten Europa, wo es mit der Verständigung hapert, Missverständnisse aber meistens doch irgendwie ausgeräumt werden können. Nur die Franzosen in der deutschen Hauptstadt könnten ein echtes Problem bekommen, doch da ist der Film schon zu Ende. Wie wohl das Finale der Champions League ausgegangen ist?

Heute, 21.30 Uhr (Delphi) und 22.30 Uhr (Berlinale Palast); morgen, 9.30 Uhr und 15 Uhr (Urania)

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