• Klaus Kordon erzählt eine Familien- und Jahrhundertgeschichte der Bewohner der Torstraße 127

Kultur : Klaus Kordon erzählt eine Familien- und Jahrhundertgeschichte der Bewohner der Torstraße 127

Rolf Brockschmidt

Eva Seemann, 21 Jahre alt, Studentin der Kommunikationswissenschaften, bekommt eines Tages von ihrem Großvater Robert ein Päckchen mit Briefen und Fotos von Minchen, seiner Großmutter und Evas Ururgroßmutter. Das Foto des jungen Mädchens, das Anfang des Jahrhunderts jung war und seit 50 Jahren schon tot ist, weckt das Interesse der Studentin an der Familiengeschichte. Großvater Robert, ein zu DDR-Zeiten erfolgreicher Schriftsteller, wohnt noch immer in dem Haus in der Torstraße 127 in Berlin, in das Hermine Seemann zu Beginn des Jahrhunderts eingezogen ist. Eva Seemann schreibt Minchen, der sie sich so verbunden fühlt, einen langen, langen Brief. Sie erzählt Minchen, wie sie aus Hamburg nach Berlin gereist ist, um ihren Großvater endlich zu besuchen, mit dem sich der Vater aus politischen Gründen entzweit hat, wie sie einen aufregenden Sommer in Berlin verbracht hat, der ihr auch noch die große Liebe bescherte.

Evas Brief an Minchen ist praktisch Klaus Kordons Roman "Hundert Jahre & ein Sommer". Im Gegensatz zu seinen bisherigen Romanen erzählt Kordon nicht von einer Epoche aus der Sicht eines Jugendlichen, sondern über den Kniff des Briefes und des Mietshauses gelingt es ihm, Geschichte aus einem ganzen Jahrhundert lebendig zu erfassen, Schicksale zu schildern, Zeitzeugen zu befragen und Briefe und andere Dokumente sprechen zu lassen.

Dreh- und Angelpunkt dieses spannenden Romans ist die Annäherung zwischen der Enkelin aus dem Westen und dem linientreuen Großvater aus dem Osten. Eva gewinnt in aufregenden Diskussionen über Geschichte und Moral das Vertrauen des Großvaters und kommt so einer interessanten Familiengeschichte auf die Spur, die alle Facetten deutscher Geschichte in diesem Jahrhundert berührt. "Die deutsche Geschichte hat mich geprägt. Mein Großvater fiel im Ersten Weltkrieg, mein Vater im Zweiten Weltkrieg, ich habe die Teilung Berlins erlebt, habe in der DDR im Knast gesessen. Ich schreibe einfach über Dinge, die mich betreffen", hatte Klaus Kordon zu Beginn der 90er Jahre einmal gesagt. Inzwischen ist genug Zeit verstrichen, um auch den Prozess der Einheit zu berücksichtigen. Wie bei Kordon üblich, gibt es keine Guten und keine Bösen. Die Biografien haben ihre Widerhaken, geschenkt wird nichts. Als die Mauer fällt, erzählt Evas Vater von seiner Flucht über die Mauer und dem Streit mit seinem Vater. Geschichte bricht plötzlich in Evas behütete Welt. Der Großvater besucht sie kurz, ein dramatisches Treffen, aber er setzt Jahre später die Hoffnung auf seine Enkelin. Schließlich besucht sie ihn in Berlin, lernt ihn, das Haus und die Mitbewohner schätzen und lieben, besonders Gregg, einen Russen. Sie entdeckt die Stadt auf den Spuren ihrer Familie, in der sich die vielfältigen Schicksale vom Kaiserreich bis heute spiegeln. Geschichte von unten.

Evas Art, den Brief zu schreiben, gleicht dem Arbeitsprozess des Schriftstellers Klaus Kordon, der das Kunststück fertigbringen muss, das Kaiserreich auferstehen zu lassen, ohne es erlebt zu haben. Da hilft der Großvater, der Hermine als Enkel am besten gekannt hat. So wie Hermine das neue Berlin zu Beginn des Jahrhunderts erlebt hat, sieht sich Eva ebenfalls in einer Stadt im Wandel. An der Besetzung des Familienhauses entzündet sich ein Streit zwischen Ost und West, werden Vor- und Nachteile von Gesellschaftssystemen diskutiert. Manchmal gerät Evas Sprache dabei ein wenig pathetisch, aber das mindert nicht den Reiz dieses Buches, das auf kunstvolle Weise Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen die Geschichte dieses Jahrhunderts nahebringt.Klaus Kordon: Hundert Jahre und ein Sommer. Beltz & Gelberg, Weinheim 1999. 392 Seiten. 36 DM. Ab 14 Jahren.

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