Klaus Kordon: "Joss oder der Preis der Freiheit" : Schrecken der Schlacht

Klaus Kordons neuer Roman „Joss oder der Preis der Freiheit“ erzählt vielschichtig aus der Zeit Napoleons und der Leipziger Völkerschlacht.

Ulrich Karger

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts flieht der kleine Joss voller Panik aus dem Dorf, nachdem napoleonische Truppen das Haus seiner Familie in Brand gesteckt haben. Zu seinem Glück wird er von Mewes und Marie gefunden und von ihnen wie das schon lang erwünschte eigene Kind aufgenommen. Doch trotz aller Liebe zu seinen Zieheltern nagt in Joss noch viele Jahre später das Unwissen über seine Herkunft und seinen vollständigen Namen. Und er will Rache für seine im brennenden Haus umgekommenen Eltern und Geschwister.

Und wiewohl seit Jahren in die gleichaltrige Maicke verliebt, nutzt Joss mit 15 Jahren die Gelegenheit und schließt sich den Lützower Jägern an – einem Freikorps, das Partisanen gleich immer wieder Anschläge gegen die französischen Besatzungstruppen verübt. Denn erst wenn die Besatzer in die Flucht geschlagen sind, kann er frei sein und seine innere Ruhe finden. Hofft er.

Nicht nur für Jugendliche

Klaus Kordon ist mit „Joss oder der Preis der Freiheit“ erneut ein höchst vielschichtiger Roman gelungen, der sich zwar zuallererst an Jugendliche wendet, aber auch von historisch interessierten Erwachsenen mit viel Gewinn gelesen werden kann.

Die Entwicklung vom erst etwa sechsjährigen Joss zum Lützower Jäger macht mehr als verständlich, warum er die französischen Besatzer und ihre adligen Unterstützer aus deutschen Landen abgrundtief zu hassen lernt. Doch im Freikorps wird Joss unter die Fittiche von Thies genommen, der als Jurastudent eine weit differenziertere Sicht auf die Franzosen mitbringt. Denn bei allem Übel hat Napoleon auch erste demokratische Grundregeln in das Staatswesen eingeführt, die selbst nach seiner Abdankung nicht mehr abgeschafft werden können. Sie setzen den Keim für den Zusammenschluss kleiner Fürstentümer zu einem gemeinsamen Deutschland – eine Tatsache, die heute vermutlich nur noch wenigen präsent ist. Und spätestens bei der Leipziger Völkerschlacht im Oktober 1813 erfährt Joss am eigenen Leibe, dass eine Schlacht vor allem ein fürchterliches Gemetzel bedeutet und der Sieg über die Franzosen keineswegs die Verluste in den eigenen Reihen wettmacht.

Zugleich Abenteuer- und Antikriegsroman

Diesen differenzierten Diskurs trägt Kordon anhand sehr lebendig gezeichneter Charaktere vor, die er fundiert auf dem Tableau historischer Ereignisse in Szene zu setzen weiß.

Ein von der ersten Seite an fesselnder Text, der sich vom historischen Abenteuerroman zu einem zeitlos gültigen Antikriegsroman mausert – und dabei höchst aktuelle Bezüge und Fragen herzustellen erlaubt. Denn viele junge Menschen in der Ukraine, im Irak, in Syrien oder anderen Kriegsgebieten dürften sich in Joss wiederfinden können. Und wenn in unserem vergleichsweise reichen und satten Europa manche Jugendliche schon wieder einigen kriegslüsternen Rattenfängern auf den Leim zu gehen drohen, möchte man ihnen dieses Buch zu lesen geben.
Klaus Kordon: Joss oder der Preis der Freiheit. Roman. Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim 2014. 378 Seiten. 18,95 Euro. Ab 14 Jahren.

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