Kultur : Klaus Staeck im Interview: Eine Humoroffensive gegen die Spaßgesellschaft

Seit Ihrer politischen Wahlwerbung 1972 - "Deutsch

Klaus Staeck, 1938 nahe Dresden geboren und Jurist mit Anwaltszulassung, ist Künstler und Verleger. Zum Ende der Schulzeit wechselte er 1956 aus politischen Gründen vom giftigen Bitterfeld ins romantische Heidelberg, wo er auch heute lebt. Seit den 60er Jahren hat er sich, gelegentlich mit seinen Freunden Joseph Beuys und Heinrich Böll, immer wieder als Grafiker, satirischer Plakaterfinder und alternativer Ausstellungsmacher engagiert: im Umweltschutz, in sozialpolitischen Fragen, bei kunstpolitischen Debatten sowie in Wahlkämpfen für die SPD. Staeck wurde wegen seiner Aktionen bisher mit 41 Gerichtsverfahren überzogen, die er alle gewann. Die Gesamtauflage seiner Plakate und Postkarten beträgt über eine Million Exemplare. Klaus Staeck gilt als bundesdeutscher Nachfolger von John Heartfield, dem gesellschaftskritischen Collagekünstler der Weimarer Republik.

Seit Ihrer politischen Wahlwerbung 1972 - "Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen" - sind Sie der Großmeister des satirischen Plakats. Wie sehen Sie die Spendenwerbung des Berliner Mahnmal-Förderkreises mit der Schlagzeile "den holocaust hat es nie gegeben"?

Ich hätte dieses Plakat nicht gemacht. Satire ist immer Missverständnissen ausgesetzt. Deshalb sollte man stets Sicherungen einbauen, damit Missverständnisse nicht zu einer völlig falschen Wahrnehmung führen. Eine ominöse Schlagzeile zu wählen und auf die Erläuterung im Kleingedruckten zu vertrauen, erscheint mir fahrlässig, weil viele Menschen das gar nicht lesen. Davon leben Geschäftemacher und die "Bild"-Zeitung. Der Satz benutzt die sogenannte Auschwitz-Lüge als Köder, um einen ehrenwerten Zweck zu verfolgen. Aber Satire ist eben auch eine Kunst. Und Werbeagenturen sind nicht unbedingt Wiegen der Kunst.

Man wollte damit provozieren.

In einer Gesellschaft, die sich langweilt oder weigert, über wichtige Dinge nachzudenken, muss man auch mal zu drastischen Mitteln greifen. Zur Provokation. Doch wer dafür Tabus verletzt, muss sehr gute Gründe haben. Es gibt zum Beispiel Dinge, die sich der Satire entziehen, und dazu gehört für mich der Holocaust.

Waren Sie ähnlich kritisch, als die Firma Benetton einen moribunden Aids-Kranken plakatierte?

Ja. Weil Benetton den Aids-Kranken letztlich dafür benutzt hat, um für Strickwaren zu werben. Benetton und sein Fotograf Toscani warben ja auch mit dem Bild eines ölverpesteten Vogels. Aber was tut die Firma selbst für den Umweltschutz? Sie unterhält einen Formel-l-Rennstall. Ich halte das für Heuchelei. Solche Widersprüche aufzudecken, ist meine Aufgabe. So hat es auch 1971 angefangen: Ich habe eine Zeitschriftenwerbung für das neue Pal, auf das sich die Hunde begeistert nach einem Testfressen stürzen, mit einer Bildreportage aus der gleichen Zeitschrift über verhungernde Kinder aus Indien kombiniert.

Jemand könnte erwidern: Das ist zynisch, Sie haben die hungernden Kinder benutzt. Was spricht dagegen, dass Medien, die von Anzeigen auch für Luxusgüter leben, über Hunger und Armut in der Welt berichten?

Ich bin nicht gegen solche Berichte und rede nicht von Schuld, sondern von Verantwortung. Wir sind nun einmal mitverantwortlich für bestimmte Zustände. Während im Kaufhaus die Regale mit Hundefuttersorten überquellen, leben in unserer Zivilisation Menschen, die sich nicht mal Hundefutter leisten können. Montagen können zu Assoziationen anstiften und etwas auf irritierende Weise zum Klingen bringen. Das schafft das normale Krankenkassenplakat eben nicht, wenn es vor dem Rauchen warnt.

Aber ist die Gegenüberstellung von fressendem Hund und hungerndem Kind nicht etwas billig? Außerdem rennen Sie nur offene Türen ein.

Es ist die schlichte Form der Satire, das will ich gern zugeben. Es war auch eine meine ersten Arbeiten. Heute würde ich das in der Form sicher nicht mehr machen. Ich will ja nicht nur die erreichen, die sowieso meiner Meinung sind, sondern versuchen, die anderen zu berühren.

Genau das hätte Ihnen Herr Toscani bei der Benetton-Werbung auch sagen können: Haben wir nicht durch unser überraschendes Aids-Plakat viel mehr Menschen auf die Problematik aufmerksam gemacht als irgendwelche caritativen Organisationen?

Wäre es so, dann hätten Sie Recht.

Statt reine Produktwerbung zu betreiben, hat Benetton immerhin noch ein gesellschaftliches Thema in die Öffentlichkeit getragen, die hier lieber wegschaut.

Nein, sie haben das gesellschaftliche Thema Aids auch noch zur Konsumware gemacht. Das ist mein Vorwurf.

Ist nicht alles, was öffentlich gehandelt wird, letztlich auch eine Ware?

Dem widerspreche ich. Es ist nicht alles Ware! Wenn die Wahrheit zur Ware gemacht wird, dann hat doch nur noch derjenige recht, der das meiste dafür zahlt. Daraus resultiert ja gerade die große Unruhe, die viele Menschen heute quält.

Aber ein Plakat ist zugleich eine Ware.

Wenn die Aids-Stiftung zur Werbung für Spenden das Foto von Aids-Kranken benutzt hätte, dann wäre das völlig in Ordnung; aber damit wird das Plakat nicht zur Ware.

Und wie erreichen Sie als gesellschaftskritischer Satiriker die anderen: die Menschen, die nicht sowieso schon Ihrer Ansicht sind?

Gute Satire ist mit das Schwerste, was es gibt. Wenn Sie mich dabei ertappen würden, dass ich meine Kritik nur auf meinen eigenen Vorurteilen aufbaue, das würde mich treffen. Die Chance der Satire besteht darin, sich an die Vorurteile der anderen heranzutasten. Sie lebt davon, dass über den Irrtum, über die Irritation der Betrachter erreicht werden kann. Das ist mir erstmals gelungen mit meinem Beitrag zum Dürer-Jubiläum 1971, als ich auf das berühmte Bild von Dürers alter Mutter den Satz gesetzt habe "Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?" Es ist bis heute eine meiner erfolgreichsten Arbeiten.

Sie sind seit den 60er Jahren SPD-Mitglied. Hat es Sie nicht mal gereizt, ein Plakat zu machen, das sich auch gegen bestimmte Milieus der SPD richtet?

Wogegen sich mein letztes Plakat zur Neuen Mitte richtet, ist ja wohl eindeutig. Aber es ist natürlich eine schwierige Situation, wenn die eigenen Leute, die man unterstützt hat, nun an der Regierung sind. Ich habe mich allerdings nie der Illusion hingegeben, dass in unserem System die Regierenden auch gleichzeitig an der Macht sind.

Die Regierung ist nicht an der Macht?

An der Macht sind ganz andere Leute. Deshalb sind die anderen politischen Parteien gar nicht mehr meine eigentlichen Widersacher. Meine Gegner heute sind Klimakiller wie Bush & Co., Leute, die das "Big Brother"-System zu verantworten haben, Leute, die bewusst notwendige gesellschaftliche Tabus brechen, ohne gute Gründe dafür zu haben.

Sie meinen das Tabu der Intimsphäre.

Wie wollen Sie noch vor der grenzenlosen Veröffentlichung des Privaten oder vor dem Überwachungsstaat warnen, wenn Tausende für Geld bereit sind, in einen Container zu kriechen und ihre intimsten Dinge preiszugeben? Leute, die solche "Spiele" veranstalten, sind meine Gegner. Oder Leute, die Sportler und Popstars, die trotz riesiger Einkommen hier keine Steuern zahlen, als Idole von Jugendlichen aufbauen, während es für diese Jugendlichen beispielsweise in Berlin und Brandenburg an Lehrern, Lernmitteln, Ganztagsschulen und Ausbildungsplätzen fehlt, weil kein Geld da ist.

Sie bestehen offenbar auf Tabus. Das klingt zunächst überraschend bei einem Satiriker.

Jede Gesellschaft setzt sich Grenzen und braucht zum Beispiel das Tabu, dass der Fremde kein Objekt ist, an dem jeder seine Emotionen auslassen kann. Das ist ein klassisches Tabu, das auf die Zehn Gebote zurückgreift : "Du sollst nicht töten." Wenn jeder Skinhead dieses Gebot einhalten würde, wären wir doch ein gutes Stück weiter.

Halten Sie es für möglich, mit Ihrer Arbeit gewaltbereite Skins nachdenklich zu machen?

Ich habe zu diesem Thema mehrere Plakate gemacht. Das erste schon vor vielen Jahren: "Stell dir vor, du musst flüchten und siehst überall: Ausländer raus!". Es geht darum, dem anderen die zentralen Argumente wegzunehmen. "Ausländer raus" gehört zu den Standardparolen, die man so relativieren muss, dass der andere sie nicht mehr benutzen kann. Ich versuche das bei diesem Thema immer wieder, aber an manchen Dingen scheitert man auch. Weil man auf einen wenigstens minimal aufgeschlossenen Betrachter angewiesen ist.

Auf einen erschütterbaren.

Das ist das richtige Wort. Der schöne Satz meines Freundes Peter Rühmkorf "Bleib erschütterbar und widersteh" könnte als Motto über meiner Arbeit stehen. Ich überlege ständig, wie ich das erreichen kann. Und so lange ich auf künstlerischem Wege keine Lösung gefunden habe, mache ich direkte politische Arbeit. So bin ich jetzt häufig in Brandenburg und in Sachsen-Anhalt unterwegs und rede mit denen, die anfällig für Rechtsextreme sind. Ich versuche, auch mit Hilfe der Berliner Akademie der Künste Menschen zu unterstützen, die sich gegen Rechts zur Wehr setzen. Denn dazu gehört Mut, in Guben oder Fürstenwalde.

Haben Sie nie das Gefühl, Ihre Art der Satire ist durch mediale Veränderungen, durch Veränderungen der Lese- und Sehkultur auch vom Aussterben bedroht - ähnlich wie das politische Kabarett?

Ist es das, ausgestorben?

Mindestens das Kabarett, wie es die Stachel-Schweine und die Lach- und Schießgesell- schaft oder auch Wolfgang Neuss gemacht haben. Das ist mutiert zur Comedy- und Talkshow.

Das Kabarett, das Sie erwähnen, war tatsächlich gekoppelt an eine ganz bestimmte Zeit. Aber das politische Kabarett stirbt genausowenig wie das Plakat. Alle Städte sind voll von Plakaten, und über Plakate wird diskutiert, nicht nur beim Holocaust-Mahnmal. Nehmen Sie nur das CDU-Plakat, auf dem Schröder wie auf Fahndungsfotos dargestellt wurde. Obwohl das Plakat nur in einem einzigen Exemplar existierte, hat sich die ganze Republik darüber erregt. Ich selbst wurde von mehreren Rundfunksendern als "Gutachter" angefragt.

Und wie lautete Ihr Gutachten?

Es war auf eine zu primitive Provokation angelegt, der nicht mal die eigene Klientel folgen konnte. Der Versuch einer politischen Satire musste als Rohrkrepierer enden.

Auch Ihre Gegner erinnerten bei Staeck-Plakaten schon an die Gürtellinie. Tucholsky hat indes gesagt: Satire darf alles.

Das ist ein schöner Satz, auf den man sich immer berufen kann, wenn es ernst wird. Aber letztlich bin ich in dieser Frage auch Jurist und nicht nur Künstler. Ich bin bisher mit 41 Prozessen überzogen worden und habe sie gottseidank alle gewonnen. Die inhaltlichen Grenzen werden nun mal von den Gesetzen bestimmt, vor allem den Persönlichkeitsrechten. Das Schlimmste, was Sie mir nachsagen können, wäre, dass ich jemanden in einer Weise angegriffen habe, die ihm nicht gerecht wurde. Wir alle reden mal was Törichtes.

Edmund Stoibers Ausrutschersatz von der "durchrassten Gesellschaft" würden Sie also nicht zu einem Plakat-Slogan machen?

Schon. Aber ich würde Stoiber nicht persönlich in die Nähe zu Nazis rücken. Satire muss das Symptomatische treffen. Deshalb waren für mich Kohl oder Strauß letztlich immer nur Hausnummern für eine bestimmte Politik und nicht für persönliche Schwächen, die wir alle haben.

Sie sind nach dem Abitur aus der DDR in die Bundesrepublik gegangen. Was sagen Sie jetzt zum Berliner Wahlkampf mit der Gretchenfrage: Wie hältst du es mit der PDS?

Mein Wunschkandidat ist die PDS nicht. Und ich werde im Wahlkampf Klaus Wowereit nach Kräften unterstützen. Wenn aber die Wähler so entscheiden, dass keine andere Konstellation übrig bleibt als die Zusammenarbeit mit der PDS, kann ich damit leben. Denn die CDU-Ära ist nun wirklich zu Ende. Aber ich rate allen Partnern der PDS zu Vorsicht und revolutionärer Wachsamkeit.

Sie sind auch ein Moralist.

Ja, und ich habe das nie als Schimpfwort empfunden.

Wo wäre denn Ihre moralische Grenze in der Zusammenarbeit zwischen SPD und PDS?

Wenn die PDS, sollte sie mitregieren, einen ehemaligen Stasi-Mitarbeiter oder Vertreter der kommunistischen Plattform als Senator vorschlagen würde. Da ist für mich die Grenze. Ich wünsche mir auch keinen Gregor Gysi als Bürgermeister, selbst wenn das gerade manche meiner Künstlerkollegen anders sehen und da großzügiger urteilen. Gysi ist für mich doch zu sehr Repräsentant einer Partei, die als Ganzes noch weitgehend eine Mogelpackung ist.

Könnten Satire und Ironie zu einer Entkrampfung beitragen in bestimmten Milieus der ehemaligen DDR, die auf den ersten Blick ausgesprochen humorresistent wirken? Oder ist der autoritäre Charakter, der mitunter noch tief verwurzelt ist, nicht erschütterbar?

Das ist ja kein rein ostdeutsches Phänomen!

Trotzdem: Können Sie sich zum Beispiel ein Plakat über die Mauer vorstellen - oder ist das für Sie auch ein Tabu?

Als die Mauer noch existierte, habe ich mich satirisch nicht an sie herangewagt. Weil sie für viele Menschen eine zu bedrückende Tatsache war, die sie existentiell betraf. Die Satire hatte als Lockerungsübung gegen die Mauer keine Chance, weil sie einfach stärker war. Im übrigen habe ich als bekennender Aufklärer den verwegenen Glauben an die Vernunft nie aufgegeben. In diesem Kampf bleiben Satire und Ironie meine elementaren Handwerkszeuge. Der Osten tickt nicht nur, sondern er lacht auch anders, weil wir zu lange in verschiedenen Welten gelebt haben. Damit hatte ich jedoch nie Probleme. Eine Humoroffensive in Ost und West beispielsweise gegen die dumpfen Protagonisten der Spaßgesellschaft, das wäre ein schönes Projekt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar