Klaus Voswinkel zum 70. : Mit Odysseus ins Café

„Aufbrüche, Wiederkehr“: Klaus Voswinckels poetisch-philosophische Erzählungen.

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Es sind die oft wunderlich suggestiven Gedanken, die zwischen Tagträumerei und Wahrnehmungsschärfe oszillierenden Beobachtungen, die den Leser von Klaus Voswinckel sanft verführen. Wir sind tief im italienischen Süden, es ist Sommer, dort warten Wein oder Wasser: „Nachts. Zwei Karaffen, die sich mögen. Schnuppernd aneinander. Fast ineinanderspringend, aber doch stehen bleibend. Ein Vibrieren von Liebe.“ Das Bild überrascht. Und wird mit einem Sprung gewendet, denn gleich im nächsten Satz und Absatz folgt die Frage: „Blüht die Blüte von der Lust, auszublühen? Oder ist das nur eine dumme Lüge der Blätter, die länger leben?“

Der wechselweise in München und am italienischen Stiefelende in Apulien lebende Schriftsteller und Filmemacher Klaus Voswinckel, ein gebürtiger Hamburger, wird am 23. Mai 70 Jahre alt. Nun hat er in der ambitionierten österreichischen Bibliothek der Provinz seinen neuen Prosaband „Aufbrüche, Wiederkehr“ veröffentlicht. Keine Lebenssumme, aber ein Leuchtzeichen in vielerlei Farben und Facetten seiner Kunst. Einer Kunst, Reflexion und Erzählung, Betrachtung, Aphorismus, Philosophie und Poesie derart zu verbinden, wie das in eher romanischer (oder romantischer) Tradition in der deutschsprachigen Literatur auf diesem Niveau sonst nur Botho Strauß oder Peter Handke gelingt.

Nicht zufällig taucht gegen Ende des ersten von sieben Kapiteln, bei einer Wanderung durch die sommerkarstigen Räume des apulischen, griechisch-römischen Südens, nahe einer Kirche der beiden frühchristlichen Märtyrer Cosmas und Damian ein Mann namens Angelo auf. Zu Deutsch Engel. Und Voswinckel schreibt: „Ein Wind wehte vom Hügel her über die Küste und kehrte die silberne Seite der Oliven hervor. Ich spürte ihn in meinem Rücken und hatte Lust, die Arme auszubreiten. So ging ich dahin.“

Dies lässt sich lesen als leichte, schwebende Impression. Doch steckt darin auch die völlig beiläufige Anspielung auf den „Angelus novus“: eine Engelszeichnung Paul Klees und das hiervon inspirierte berühmte kleine Stück Geschichtsphilosophie Walter Benjamins, in welchem dem „Engel der Geschichte“ der Sturm des Fortschritts in den Rücken fällt. Solch unaufdringlich eingewebte Referenzen, die man gewiss nicht alle entschlüsseln muss, gehören zur Subtilität dieser Prosa.

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