• Klaus Wowereit im Interview vor seinem Abschied: „Erst meckern, dann staunen. Das ist Berlin“

Klaus Wowereit im Interview vor seinem Abschied : „Erst meckern, dann staunen. Das ist Berlin“

Das Abschiedsgespräch: Der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit zieht kulturpolitische Bilanz. Von seinem Nachfolger Michael Müller erwartet er, dass er die Strukturen für Künstler in der boomenden Stadt verbessert.

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Klaus Wowereit in seinem Amtszimmer im Roten Rathaus.
Schlussakkord: Klaus Wowereit in seinem Amtszimmer im Roten Rathaus.Foto: Thilo Rückeis

Herr Wowereit, als Sie am Sonntag Ihre vielleicht letzte große Rede als Regierender hielten, zum 25. Jahrestag des Mauerfalls, und in der ersten Reihe saßen Michail Gorbatschow, Lech Walesa und Miklos Nemeth, Friedensnobelpreisträger, entscheidende Politiker der Wendezeit, Bürgerrechtler – was ging Ihnen da durch den Kopf?
Dass man sich gar nicht ausmalen kann, was passiert wäre, wenn nur ein Mensch damals falsch reagiert hätte. Vielleicht wäre alles in die Luft geflogen 1989. Grenzsoldaten, Demonstranten, politisch Verantwortliche: Eine Person hätte anders gehandelt und eine furchtbare Eskalation ausgelöst. Dass es dazu nicht gekommen ist, dass es friedlich blieb – unglaublich! Das vergangene Wochenende bot Berlin eine großartige Gelegenheit, der Welt zu zeigen, wie die Stadt sich verändert hat und wie wir unsere Geschichte dokumentieren.

Liegt es in der Natur und Kultur Berlins, dass wir die großen Auftritte brauchen, immer wieder, dieses Hauptstadt-Doping, die Stadt als Erlebnispark?
In der Tat, wir sind durch diese gewaltigen Ereignisse verwöhnt. Aber es zeigt sich auch: Berlin kann das. Es gibt hier eine große Leichtigkeit und zugleich Ernsthaftigkeit und ein wunderbares Publikum, das die Ideen aufgreift und etwas Eigenes daraus macht. Das sollten wir nutzen, für die Stadt und für Deutschland.

Der Fall der Mauer, Christos Reichstagsverhüllung, die Fußballweltmeisterschaft. Was kommt als nächstes Riesending?
Im nächsten Jahr feiern wir den 3. Oktober, den Jahrestag der Wiedervereinigung, ein Datum, das aber nicht so viel Aufmerksamkeit erfährt wie der 9. November. Da liegt die Initiative aber mehr beim Bund als bei der Stadt. Und natürlich stellt sich die Frage, ob Berlin 2024 oder 2028 Olympische Spiele ausrichtet. Ich bin dafür.

Ist das Ihre neue Rolle nach dem Amt des Regierenden Bürgermeisters: Botschafter für Olympia?
Ich bin begeistert von der Olympia-Idee, und ich glaube, dass man die Berliner mitreißen kann, wenn wir das Projekt nachhaltig gestalten. Die Wohnungen für das Olympische Dorf brauchen wir nachher auch für die Stadt, für die Berlinerinnen und Berliner, ähnlich wird es bei den Sport- und Übungsstätten sein. Aber erst gibt es Skepsis und später kommt die Faszination, das ist fast immer so in Berlin. Erst meckern, dann staunen. So wird es auch beim Humboldt-Forum sein, wenn es wie geplant 2019 eröffnet. Dann stehen die Leute Schlange.

Wird das Humboldt-Forum im umstrittenen Schloss-Nachbau der neue Anziehungspunkt?
Ich war ja immer für ein komplett neues Gebäude, zeitgenössische Architektur. Es wurde anders entschieden. Nun ist es so. Dennoch wird das, was jetzt entsteht, Berlins Mitte verändern. Man erkennt ja schon die Dimensionen. Es wird die Stadt weiterentwickeln. Es ist aber bis jetzt noch überhaupt nicht gelungen, den Gedanken des Humboldt-Forums breiten Kreisen der Bevölkerung zu vermitteln.

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Berlin ist groß im Inszenieren spektakulärer Events. Aber wenn es ans Bauen geht, wenn Bleibendes geschaffen werden soll, sieht es ganz anders aus. Große, ephemere Inszenierungen immer gern – extravagante Bauprojekte lieber nicht. Das haben Sie selbst schmerzlich erfahren.
Das stimmt nicht, das ist ein Vorurteil. Im deutschen Vergleich steht Berlin beim Verwirklichen großer Bauprojekte gut da, so haben wir es gerade in einer Studie nachlesen können. Aber selbstverständlich ist eine Staatsopernsanierung hoch kompliziert, ich ärgere mich über jede Verzögerung. Und dass am Kulturforum etwas geschehen muss, sieht ja jeder. Da unterstützen wir den Bund in seinen Planungen.

Wenn Sie nun abtreten, werden Sie gut dreizehn Jahre Regierender Bürgermeister gewesen sein und davon auch acht Jahre Kultursenator. Wie wird man eigentlich Kulturpolitiker?
Davon gibt es nicht so viele, bedauerlicherweise. Es gibt in der Politik überhaupt wenige Leute, die Affinität zur Kultur haben, sich auf dem Gebiet richtig gut auskennen und sich kümmern. Von außen betrachtet ist Kulturpolitik etwas Schönes und nur Angenehmes, nach dem Motto: Die können immer zu den Premieren gehen. Es ist aber unendlich harte Arbeit. Sich einen Überblick zu verschaffen über das vielfältige kulturelle Angebot Berlins, ist eine Herkulesaufgabe. Und Kulturpolitiker werden manchmal auch belächelt von den anderen Fachrichtungen, deshalb brauchen sie tatkräftige Unterstützung. Diese Stadt profitiert von ihren Kultureinrichtungen unendlich viel. Jeder Euro, der für Kultur ausgegeben wird, ist gut investiert.

Sie waren Kulturstadtrat in Tempelhof, Vorsitzender des Unterausschusses Theater im Abgeordnetenhaus, bevor Sie Fraktionsvorsitzender der SPD und schließlich Regierender Bürgermeister wurden. Ein Weg, den noch keiner ging – über die Kultur zur Macht.
Kultur betrifft viele Lebensbereiche, das wird oft nicht wahrgenommen. Das geht von der Kindertagesstätte bis zu Seniorenheimen, von den Kirchenchören bis zu den Philharmonikern und den Opern. Eine Stadt wie Berlin braucht eine sehr breite kulturelle Basis. Kultur muss immer ein Schwerpunkt sein.

Es war nicht nur eine arithmetische Notwendigkeit bei der Senatsbildung, als Sie das Amt des Kultursenators mit übernahmen, sondern eine Herzensangelegenheit?
Wenn ich nicht Regierender Bürgermeister geworden wäre, wäre ich auch gern Kultursenator geworden. Es war, wie ich finde, eine glückliche Fügung. Es lag natürlich auch an der günstigen Konstellation mit André Schmitz als Kulturstaatssekretär. Nach der Verfassungslage ließ sich ein eigenständiges Kulturressort damals kaum machen. Das ändert sich 2016, nach der nächsten Wahl. In der neuen Legislaturperiode kann der Regierende Bürgermeister zwei zusätzliche Ressorts bilden. Es erscheint mir aus heutiger Sicht durchaus sinnvoll, dann wieder einen eigenständigen Kultursenator zu haben.

Wie einst in West-Berlin ...
Das birgt aber auch Gefahren für die Kultur. Der Regierende Bürgermeister muss hinter dem Kultursenator stehen, sonst verhungert der.

Ein Regierender Bürgermeister muss also kompetent sein in kulturellen Angelegenheiten. Sonst passt er nicht zu Berlin?
Er sollte zumindest eine Affinität haben. Und Freude daran, wie sich die Kultur in dieser Stadt entwickelt. Er muss versuchen, das zu fördern.

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