Klaus Wüsthoff zum 95. Geburtstag : Rhythmen eines langen Lebens

Schlager, Swing, Orchesterwerke: Der vielseitige Berliner Komponist Klaus Wüsthoff wird 95 - und hat große Pläne für die Zukunft.

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Jung im Herzen. Das Swing-Trio mit Klaus Wüsthoff (links).
Jung im Herzen. Das Swing-Trio mit Klaus Wüsthoff (links).Foto: Max Doehlemann

Sein kürzestes Werk ist auch sein bekanntestes: Die Erkennungsmelodie zur „heute“-Nachrichtensendung nämlich, komponiert 1963. Überhaupt hatte Klaus Wüsthoff stets ein Händchen dafür, sich kurzzufassen. Jahrzehntelang verdiente er sein Geld zumeist mit der Vertonung von Werbespots. Für „Persil“, „Nutella“ und „Lux“ zum Beispiel. Der Soundtrack für das Waschmittel „Fakt“ brachte ihm immerhin so viel ein, dass er sich ein Häuschen in Schlachtensee kaufen konnte.

Aber natürlich gab es daneben immer den seriösen Komponisten Klaus Wüsthoff. Den Wüsthoff, der fest an die Macht der Musik glaubte – seit er mit ihrer Hilfe die schweren vierziger Jahre überstanden hatte. Direkt von der Schule muss der Sohn aus großbürgerlichem Berliner Hause zum „Reichsarbeitsdienst“, dann in den Krieg. Dass er immer sein Akkordeon dabeihat, macht vieles erträglicher, auch später, während der Jahre in russischer Gefangenschaft, als er in diversen Formationen alles spielt, was ihm unter die Finger kommt. Mit dieser Praxisgrundlage kann sich der Spätheimkehrer im heimatlichen Berlin eine Karriere als selbstständiger Komponist aufbauen.

Wobei die Neutönerei der Nachkriegszeit seine Sache nicht ist. Er will für die Leute schreiben. Darum hat Klaus Wüsthoff immer ein offenes Ohr für die Musik der Charts, schreibt 1959 „Die Stadt von Morgen“ für Big Band, Mitte der Siebziger eine „Jetclipper Suite“ für Band und Orchester, Anfang der Achtziger „Beat and Strings“ für Rockgruppe und Streicher. Aber eben auch ein Paukenkonzert für die Berliner Philharmoniker oder eine „Weihnachtskantate für junge Leute“.

Sein Leben jetzt auch als Buch

Rechtzeitig zu Klaus Wüsthoffs 95. Geburtstag am morgigen Samstag hat Max Doehlemann jetzt das lange, erfüllte Leben des Komponisten in Buchform gebracht (beim Berliner Verlag Ries & Erler). Besonders schön ist ein Interview am Ende des Bandes, in das sich Wüsthoffs Ehefrau immer wieder per Zwischenruf einschaltet. Seit 65 Jahren ist der Komponist mit seiner Gisela verheiratet, die er liebevoll „meinen Kontrapunkt in jeder Beziehung“ nennt.

Weil sie beispielsweise die Meinung vertritt, dass es sehr wohl unmusikalische Menschen gebe. Ungeachtet eines Feldversuchs ihres Gatten, für den er 3000 Passanten auf der Straße dazu genötigt hat, einen Ton erst zu summen und dann zu singen. Kneifen galt nicht. „Ich habe bei 90 Prozent der Menschen festgestellt: Beim dritten Mal hatten sie den Ton“, resümiert er triumphierend.

Nur noch kurz die Welt retten

Das Alter scheint Klaus Wüsthoff nichts anhaben zu können. In den letzten beiden Jahren hat er zwei CDs veröffentlicht, auf denen er alte Schlager interpretiert, hinreißend lässig, mit Charme und Swing. Und an seinem Ehrentag, dem 1. Juli, bringt er sich das Ständchen natürlich selber, mit seinem Trio, bei einem Nachbarschaftsfest in seinem Kiez an der Rehwiese.

Große Pläne hat Klaus Wüsthoff für die Zukunft, will – als wäre er der Jungspund Tim Bendzko – nur noch kurz die Welt retten. Eine Begegnung mit dem Potsdamer Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber hat ihn ermutigt, auf seine Weise etwas gegen die Erderwärmung zu tun. Mit Musik eben. Dafür hat er sein 1967 komponiertes Ballett „Die Regentrude“ nach Theodor Strom, in dem es um eine Dürrekatastrophe geht, in eine Orchestersuite verwandelt. Howard Griffiths und das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt/Oder werden im Januar 2018 die Uraufführung spielen, per Video soll das Glockenspiel der Garnisonkirche aus der Landeshauptstadt zugeschaltet werden. Und auch in Halle/Saale hat man ihm bereits zugesagt, die „Regentrude“ zum Klingen zu bringen, durchs größte Carillon Europas im Roten Turm auf dem Marktplatz. „Damit könnte ich weltberühmt werden!“, hofft Wüsthoff. Dafür ist man schließlich nie zu alt.

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