Klavierabend mit Amir Katz im Konzerthaus : Mitreißende Etüden

In der ersten Hälfte gibt Pianist Amir Katz bei seinem Klavierabend Rätsel auf - in der zweiten begeistert er mit seinem impulsiven Zugriff auf Bach und Chopin.

Tilman Strasser
Rätselhaft wie mitreissend: Pianist Amir Katz.
Rätselhaft wie mitreissend: Pianist Amir Katz.Foto: Promo / Neda Navaee

Vielleicht nur Zufall, dass er sich zum Applaus neben dem Scheinwerferkegel verbeugt. Doch Amir Katz ist zuzutrauen, dass er auch dies geplant hat. Während er im Schatten den Kopf senkt, strahlt das Bühnenlicht des Konzerthauses ins Leere zwischen Klavierhocker und Klaviatur – als wolle der Interpret seinen Beifall jenen Geistern überlassen, mit denen er sich ebendort zwei Stunden unterhalten hat. Bach und Chopin – und Schubert. „Mein Lieblingskomponist“, sagt Katz und spielt zwei Impromptus als Zugabe.

Sein Verhältnis zu Bach ist komplizierter. Erst seit diesem Jahr wagt er es überhaupt, dessen Werke aufzuführen. Der Englischen Suite III ist denn auch ein Zuviel an Ehrfurcht anzumerken. Katz nähert sich Bach zweifellos von analytischer Seite, interpretiert ihn ausgefeilt bis ins Detail, aber es klingt, als präsentiere Katz bloß eine streng erdachte Lösung für ein komplexes Rätsel. Ähnlich der Zugriff auf den Chopin-Etüdenzyklus, op. 10. Immerhin wirkt das Nebeneinander der Komponisten schlüssig: Allen verspielten und virtuosen Elementen zum Trotz werden Chopins Werke von einer inneren Logik diktiert, teils mit der Konsequenz einer Fuge. Entsprechend exakt fördert der Pianist diese Logik zutage – und doch fehlt es an Lebendigkeit.

Amir Katz spielt wie gelöst

In der zweiten Hälfte aber zündet dieser Funken. Wieder eröffnet Katz mit Bach, gönnt aber Präludium und Fuge in es/dis-Moll aus dem Wohltemperierten Klavier mehr Innigkeit als dem ganzen ersten Teil. Impulsiv setzt er in den Nachhall mit Chopin ein, reiht die zwölf Etüden op. 25 atemlos aneinander und spielt doch wie gelöst, als habe er mit dem formal perfekten Beginn einen kleinkarierten Mentor zum Schweigen gebracht. Der Schluss gelingt mitreißend und makellos. Das Publikum antwortet mit Bravorufen – so lange, bis sich Katz doch noch selbst in den verdienten Scheinwerferkegel stellt.

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