Klavierabend mit Rafal Blechacz : Mazurken, die im Raum verwehen

Ein Klavierabend mit Rafal Blechacz

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Viele Wege führen zu Chopin, und vielfache Spuren gehen von ihm aus. Vom Zentrum seines pianistischen Schaffens aus begibt sich Rafal Blechacz auf diese Spurensuche, zu Bach und Mozart, und immer wieder zu seinem noch viel zu unbekannten polnischen Landsmann Karol Szymanowski. Mit großer Kraftgeste und enormer Innenspannung präsentiert er dessen monumentale Sonate Nr.1, die viele Einflüsse eklektisch bündelt und zum faszinierenden, aus der Spätromantik herausstrebenden Ganzen zusammenschließt. Die Überfülle an Figuren, drängenden Bässen, Oktavkaskaden, schäumenden Arpeggien bändigt der Pianist mit eindrucksvoller Klarheit, charakterisiert fesselnd den Kontrast heller „Glöckchen“-Klänge im Scherzo und eines düsteren „Trauermarsch“-Motivs im Finale.

Chopin ist Herzenssache für den 26-jährigen Polen, und seit er vor sechs Jahren den Warschauer Chopin-Wettbewerb gewann, gilt er erst recht als Spezialist. Auch an diesem Abend im Kammermusiksaal besticht die helle Klarheit der As-Dur-Polonaise, deren Oktavgetümmel immer transparent bleibt – Blechacz hat es nicht nötig, mit Pedalnebeln Virtuosität vorzutäuschen. Dem einzigen wirklichen Bravourstück stehen vier frühe Mazurken aus op. 17 gegenüber, fragile Gebilde, die Blechacz mit farbenreichen Nuancen gestaltet, mit heftigen Ausbrüchen oder zarten Auflichtungen ihrer melancholischen Grundstimmung.

Unendlich viel Zeit hat Blechacz in diesen Miniaturen, baut riesige melodische Bögen, erzählt Geschichten von großer emotionaler Spannweite. Sein reifes, persönliches, jedoch nicht originalitätssüchtiges Spiel prägt auch eine Bach-Partita B-Dur von kraftvoll schwingender Heiterkeit, deren Herzstück eine ganz nach innen gewendete Sarabande ist. Neckisch dagegen schimmert der Variationszyklus „Lison dormait“ des 22-jährigen Mozart, ein typisches Rokokostück mit allerlei Girlanden und Trillerketten. Auch bei Debussys „Pour le Piano“ beeindruckt die Stilsicherheit des Pianisten, mit der er die toccatenhaften Schichten vom impressionistischen Klangrausch absetzt.

Im Beifallssturm wirkt der Künstler fragil und scheu. Doch zwei Zugaben trotzt ihm das Publikum ab: Chopin-Mazurken, die im Raum verwehen. Isabel Herzfeld

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