Kultur : Klavierkonzert in der Philharmonie: Magische Leichtigkeit

Martin Wilkening

Maurice Ravels Klavierkonzert G-Dur ist ein beliebtes Stück, im Konzertsaal aber nicht allzu häufig zu hören. Vielleicht, weil der Grad zwischen Gelingen und Misslingen hier ganz besonders schmal ist, weil von den zauberhaften Klängen nicht viel bleibt, wenn ihre Magie nicht ganz und gar entfesselt wird. Helene Grimaud spielte das in seiner Leichtigkeit doch so teuflisch schwere Stück jetzt, wenige Tage nach ihrem Solo-Recital, so, dass man es nur noch von ihr hören möchte. Die Begegnung mit Ravels Musik, die sie vermittelt, ist von einer Intensität und Präsenz, die restlos in ihren Bann zieht. Unter ihren Händen gewinnt der Klavierklang eine Biegsamkeit und Belebtheit, die in jedem einzelnen Ton den innersten Nerv trifft, auch und gerade da, wo Ravel das Klavier wie ein Schlaginstrument behandelt.

Der Erste Satz, konsequenterweise fast ohne Pedal gespielt, funkelt in absoluter Durchsichtigkeit des Klanges in tausend prismatischen Brechungen. Und es ist beglückend zu erleben, wie dicht auch die Philharmoniker in dieses Spiel mit einbezogen werden. Wenn Helene Grimaud ihren Solopart etwa zur Harfe oder zu einzelnen Bläsern hinführt, dann verwandeln sich Klangfarbe und Lautstärke mit untrüglicher Sicherheit genau in den an dieser Stelle notwendigen Ausdruck, aber ohne, dass dies groß herausgestellt würde. Und im zweiten Satz scheint die verinnerlichte Kraft des großen Anfangsmonologs auch alles Folgende zu tragen, da gibt es keine Note der filigranen Klavierbegleitfiguren, die ausdruckslos wäre. Auch wenn das Englischhorn das Anfangsthema wieder aufnimmt, sind es die hintergründigen Klangreflexe des Klavieres, die ihm das Leben einhauchen. Freilich war es auch für die Philharmoniker ein großartiges Konzert, mit David Zinman am Pult erklang Ravel zwischen Klavier und Orchester so perfekt, wie im Studio abgemischt.

Von Ravels Klavierkonzert mit seinen unter der heiteren Oberfläche gärenden Konflikten lassen sich ebenso Fäden ziehen zu Mozart, wie zur anspielungsreichen Klangkomposition György Ligetis oder den anarchischen Klangwelten von Edgard Varese. David Zinman ist einer der wenigen Dirigenten, die solch ein beziehungsreiches wie vielfältiges und historisch weit gespanntes Programm in allen Teilen gleichermaßen stilsicher zu gestalten verstehen. Bei aller fließenden Leichtigkeit, berückenden Schönheit des philharmonischen Streichertons und Noblesse der Farben, die die Bläser dort hinein mischten, wurde Mozarts B-Dur-Symphonie KV 319 doch auch durchweg mit beredtem Nachdruck phrasiert, vibrierte vor untergründiger Spannung.

Solche Kunst der beiläufigen Schattierung und Anspielung ist der Kern der Poetik von György Ligetis "Lontano". Gesten der spätromantischen Symphonik erscheinen wie hinter dem Schleier ferner Erinnerung, in schwebenden Klangbildern voll minimaler Verschiebungen, die leider von einer hartnäckigen Minderheit des Philharmonie-Publikums gnadenlos zerhustet wurden.

Huster hatten schließlich keine Chance mehr gegen die wilden Klangeruptionen, die in Vareses "Ameriques" die zarteren Innenwelten immer wieder überfluten. Zinman und die Philharmoniker spielten das wüste Stück ganz ohne Effekthascherei, mit einer Schönheit, die auch aus Präzision und Strenge kam.

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