Klavierkonzert mit Martin Helmchen : Und über mir der Himmel

Nächtliche Gedankenflüge: Der Pianist Martin Helmchen begeistert im Berliner Kammermusiksaal mit Liszt, Bach und Schubert.

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Martin Helmchen am Klavier.
Martin Helmchen am Klavier.Foto: Giorgia Bertazzini

Das erste Kompliment bekommt Martin Helmchen von seinem Publikum, noch bevor er den ersten Ton angeschlagen hat: dass der Kammermusiksaal an einem Montagabend so gut gefüllt ist, zeigt deutlich, wie sehr der 33-jährige Pianist in seiner Heimatstadt geschätzt wird. Mit Bachs a-Moll-Partita spricht Helmchen eine Einladung zur inneren Einkehr aus: So, wie er die sechs Tanzsätze spielt, transparent, dabei sehr sanglich und mit der Hingabe eines gläubigen Christenmenschen, schafft er eine Atmosphäre der Konzentration, einen Schutzraum vor den Zumutungen des Alltags.

Mit Franz Liszts Präludium nach Bachs Kantate „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ baut sich Helmchen dann eine Brücke zum romantischen Repertoire. Wirkt die freie Fantasie über das barocke Thema in ihrer Inbrunst doch plakativ, zeigt die exquisite weitere Werkauswahl, dass der gefeierte Tastenmagier Liszt als Komponist auch äußerst experimentierfreudig war: Zwei ins Impressionistische vorausweisende Tongedichte erzählt Helmchen mit feinem Klangsinn nach, lässt in „Au bord d’une source“ das beschriebene Quellwasser nicht nur plätschern, sondern auch mächtig schäumen, lässt in den „Nuages gris“ einen wolkenverhangenen Himmel vor dem inneren Auge des Zuhörers entstehen. Auf das harmonische Chamäleon der „Bagatelle sans tonalité“ folgt als Rausschmeißer vor der Pause schließlich augenzwinkernd noch ein Virtuosenstück mit Wiedererkennungseffekt, das brillante Glöckchengeklingel von „La Campanella“.

Schuberts späte B-Dur-Sonate, die mit allen Konventionen der Gattung bricht, fordert viele Entscheidungen vom Interpreten: Martin Helmchen betont die überirdische Schönheit der Melodik, deutet die Musik als Gesang einer Seele, die mit sich im Reinen ist, lässt die verstörenden Basstriller des Kopfsatzes lediglich als fernes Wetterleuchten erscheinen, ohne reale Bedrohung für die heitere Grundstimmung. Ein nächtlicher Gedankenflug, der in Regionen des Metaphysischen vorstößt, ist ihm das Andante, ungefährdet ziehen die beiden letzten Sätze vorüber. In den Spätsommerwochen des Jahres 1828, als seine letzten Werke entstanden, ging es Franz Schubert gesundheitlich tatsächlich noch einmal unerwartet gut. Am 14. November begann er, jegliche Nahrung zu verweigern, am 19. November war er tot.

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