Kultur : Klebespuren

Daniel Wenk in der jungen Galerie Blaue Stunde.

von
Fleißarbeit.
Fleißarbeit.

Aus strategischen Gründen ist es schwer, eine Galerie mitten im Bötzowviertel zu führen. Es fehlen Kollegen, Museen als Nachbarn oder wenigstens die breite Straßenschneise, an der sich Kunst im Schaufenster präsentieren ließe und sei es für vorbeifahrende Sammler.

Dass Clea Elle ihre Galerie Blaue Stunde dennoch im nahezu Verborgenen führt, hat vor allem persönliche Gründe. Die Galeristin wohnt in der Nähe, entdeckte die damals noch unsanierten Räume – und entschied sich für ein offenes Programm. Seit Herbst 2011 werden hier Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern präsentiert, die Elle persönlich „berühren und inspirieren“. Auch das klingt unter strategischen Aspekten verletzlich offen und fast ein bisschen blauäugig. Doch den Besuchern beschert es immer wieder kleine Highlights mit malerischen, skulpturalen oder medialen Positionen abstrakter Natur, die man für sich entdecken kann.

Im Frühjahr waren es die Bilder von Gérard Charrière, der vor langer Zeit das Buch zum Kunstobjekt erhoben hat. Die Werke des 1935 im schweizerischen Fribourg Geborenen sind in öffentlichen wie privaten Sammlungen vertreten und wurden in Institutionen wie dem New Yorker Metropolitan Museum ausgestellt: mittelgroße Formate voller geschriebener Zeichen, die sich zu abstrakten Kompositionen zusammenfügen.

In Berlin waren sie bislang selten zu Gast, obwohl Charrière hier seit über einem Jahrzehnt lebt. Die Galeristin gleicht diese Dysbalance aus, wenn sie das reife Werk des fast 80-Jährigen öffentlich ausstellt. Genau wie im Fall der aktuellen Einzelschau von Daniel Wenk, der zwar ungleich jünger ist. Doch seit Wenks frühere Berliner Galerie vor über zwei Jahren schloss, sind seine Arbeiten in der Stadt eher sporadisch zu sehen. So im Sommer 2011 in Neukölln, wo der Künstler auf einem Gehsteig das große Bodenbild „Luxusklebung“ aufbrachte.

Klebebänder aus allen Teilen der Welt sind sein ausschließliches Utensil. Für optische Abwechslung sorgt ihre Herkunft: Manche der preiswerteren Tapes vergilben schon nach kurzer Zeit und werden honiggelb. Andere sind auch nach Jahren noch glasklar und lassen erkennen, dass der Künstler zahllose Streifen übereinanderschichtet; eine ermüdende Tätigkeit. Wenk allerdings erledigt sie mit dem Gleichmut des Konzeptualisten, dessen minimale, wiederkehrende Gesten die Oberflächen der Bilder strukturieren.

Frühe Beispiele wie „Chicago“ oder „Milano“ aus den neunziger Jahren (je 1300 Euro) lassen konkrete Architekturen erkennen, die Wenk wie ein Bildhauer Stück für Stück aus Klebeband aufbaut. Dürfte man über die Oberflächen hinter gläsernen Rahmen streichen, würde man spüren, dass die nahezu durchsichtigen Motive auf den hellen Papieren erhaben sind.

Jüngere Arbeiten heißen bloß noch „Klebung“ oder „White No. 11“ (2200-3200 Euro) und beschränken sich auf eine schier endlose Reihung der Streifen. Visuelle Zäsuren bieten bloß die kleinen, oft mit Mustern oder Zahlen gekennzeichneten Rechtecke, mit denen die Hersteller markieren, wo die Kleberolle ihren Anfang nimmt. Das lapidare Material steht im Kontrast zum Aufwand, den Daniel Wenk betreibt. Wo immer es zum Einsatz kommt, schafft es als Provisorium eine Situation auf Zeit. Auch dies markiert einen Widerspruch zum großen, für eine halbe Ewigkeit gefertigten Bild, das im Idealfall später ins Museum findet.

Aus solchen Gegensätzen konstruiert der Berliner Künstler faszinierende Bildwelten, die neben ihren ästhetischen Qualitäten auch Fragen nach den Vor- und Nachteilen des Temporären, des Vergänglichen stellen. Christiane Meixner

Galerie Blaue Stunde, Liselotte-Hermann-Str. 36; bis 30.7. Di–Fr 16–19 Uhr

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