Klee und Itten im Gropius-Bau : Im Strudel der Farbe

Der eine war eher lyrisch in seiner Kunst, der andere Mathematiker. Jetzt feiert der Martin-Gropius-Bau Paul Klee und Johannes Itten in einer gemeinsamen Ausstellung.

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Paul Klee, Labyrinthischer Park (1939)
Paul Klee, Labyrinthischer Park (1939)Foto: Zentrum Paul Klee/VG Bildkunst, Bonn 2013

„Die Farbe hat mich!“ Diesen Ausspruch kennt in der Schweiz jedes Kind. Er findet sich im Tagebuch von Paul Klee, datiert auf das Jahr 1914, als er mit August Macke seine berühmte Tunisreise unternahm. Endlich hatte der 35-jährigen Künstler den Durchbruch geschafft: „Das ist der glücklichen Stunde Sinn: ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.“ Doch wie jüngste Forschung nun zutage förderte, hat Klee diesen viel zitierten Satz erst später hinzu gefügt, 1921, als er schon am Bauhaus in Weimar unterrichtete und sich intensiv mit seiner Farblehre beschäftigte. Nichts gegen die Extrapolierung der persönlichen Erinnerungen seitens des Malers. Doch sie wirft ein anderes Licht auf den Verlauf der Kunstgeschichte und rückt einen anderen Künstler weiter nach vorne, der sich früher als Klee mit der systematischen Erforschung des Farbspektrums beschäftigt hatte, ebenfalls ein Schweizer: Johannes Itten.

So erstaunlich es ist, Klee und Itten wurden noch nie zusammen präsentiert, obwohl sie so viel gemeinsam haben. Der große Klee hat seinen Landsmann immer überstrahlt, zumindest hierzulande. Die spektakuläre Ausstellung im Martin-Gropius-Bau mit ihren außerordentlichen Leihgaben rückt da manches gerade. „Kosmos Farbe“ überwältigt durch die schiere Zahl der Werke, 170 insgesamt, ein Fest für die Augen. Zugleich setzt sie sich mit den parallelen Entwicklungen der beiden Künstler auseinander, die sich gut kannten. Itten, der Bauernsohn aus dem Berner Oberland, bekam bei Klees Vater Klavierunterricht in der Stadt. Später war er es, der Klee ans Bauhaus nachholte. Zu dem Zeitpunkt ist Itten längst wieder bei der Gegenständlichkeit angekommen und bringt als Anhänger der Mazdaznan-Lehre einen esoterischen Geist in die Schule mit. Das bleibt nicht ohne Konflikte. 1923 verlässt Itten Weimar im Streit mit Gropius. Klee folgt noch dem Bauhaus nach Dessau, 1930 nimmt auch er seinen Abschied.

Die Wege der beiden Maler trennen sich zwar, doch das gemeinsame Interesse bleibt, die Farbe. Es wirbelt und strudelt, es flackert und tanzt auf ihren Leinwänden, aber nie spontan, nie irrational. Beide arbeiten an ihren kosmischen Farbmodellen, bei denen die Himmelsrichtungen und die vier Elemente als Ordnungsprinzipien dienen. Der Romantiker Philipp Otto Runge, Goethe, der Stuttgarter Maler Adolf Hölzel weisen ihnen den Weg zu einem neuen Spektrum, das seinen Ausgangspunkt im Grau hat.

Johannes Itten, Concerto Grosso (1959)
Johannes Itten, Concerto Grosso (1959)Foto: Privatbesitz / VG Bilkunst, Bonn 2013

Der acht Jahre ältere Itten hatte früher mit den Studien begonnen. Schon 1916 entsteht sein spiralförmiges Gemälde „Begegnung“, bei dem sich die Farben auf einer gerundeten Skala dynamisch steigern, im Fond kommen Silber, Messing, Gold und Kupfer als weitere Stufen hinzu. Kurator Christoph Wagner, der die Ausstellung aus dem Kunstmuseum Bern nach Berlin brachte, ist überzeugt, dass die Geschichte der abstrakten Malerei mit diesem Gemälde neu geschrieben werden muss. Es entstand lange vor dem Bauhaus.

Klee erweist sich als der Poetischere, der Seelenvollere. Bei Itten wirken die Farben häufig nur durchkonjugiert. Das mag auch daran liegen, dass er sich vor allem als Lehrer sah. Immer wieder gründete der Künstler zum eigenen Lebensunterhalt private Schulen – in der Schweiz, in Japan und auch in Berlin. 1929 baute er dafür sogar ein neues Gebäude im rationalen Stil in Wilmersdorf an der Konstanzer Straße, das noch heute steht. Gleich um die Ecke befindet sich die Schokoladenfabrik Hamann, deren original erhalten gebliebene Einrichtung ebenfalls von ihm stammt. In Berlin entwickelte Itten sein System der subjektiven Farbtypologien entsprechend der vier Jahreszeiten, das noch immer in der Mode- und Kosmetikbranche zur Bestimmung passender Kleidung und Schminke angewandt wird („Color me beautiful“).

Auch Klee arbeitet weiter an der Systematisierung der Farben, doch bleibt er in seiner eigenen chiffrierten Welt. Die Schachbrett-Kompositionen, die Architektonisierung der Malerei, die Steigerung vom Dunklen zum Hellen taucht immer wieder auf. Auch wenn er auf Abstand zur esoterischen „Narretei“ seines Landsmannes geht – so der gleichnamige Titel eines Blattes, das in der Zeit von Ittens größten Konflikten am Bauhaus entstand –, besitzt er doch ebenfalls eine Anfälligkeit für Astrologie. Seine Werke stecken voller metaphysischer Bezüge. Sie versuchen, die Weltgesetze mit den Mitteln der Kunst zu erklären („Das Unsichtbare sichtbar machen“).

Zu den schönsten Blättern gehört das 1923 entstandene Werk „Vor dem Blitz“ aus der Sammlung Beyeler in Riehen. Nach und nach steigert sich die Helligkeit von den dunkelgrünen Rändern zur Mitte hin, wo sich zwei Pfeile energetisch aufeinander zu bewegen. Die Entladung steht kurz bevor. Den Kontrapunkt bildet der darüber abgebildete violette Kreis, der eine spirituelle Kraft zu symbolisieren scheint. Ganz oben an der Kante neben einem winzigen Punkt hat Klee, der Weltenerschaffer, seine Signatur platziert. Schließlich stammt der Geistesblitz von ihm, der sein Werk ermöglichte.

Die Ausstellung „Kosmos Farbe“ stellt eine hervorragende Ergänzung zur Präsentation der Klee-Bilder im neu eröffneten Museum Berggruen dar. Ähnlich wie beim Paarlauf von Itten und Klee zeigen sich auch hier durch den Vergleich erhellend die Unterschiede. Im Museum Berggruen werden die Werke auratisch zelebriert, im Gropius-Bau werden sie in einen kunsthistorischen, biografischen Zusammenhang gebracht. Klee selbst hätte vermutlich die Feier des einzelnen Bildes besser gefallen.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 29. 7.; Mi bis Mo 10 – 19 Uhr. Katalog 20 bzw. 34,95 €.

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