Kultur : Kleider, Kino, Krieg

Als Brigitte Eicke 15 ist, fallen Bomben. Sie will einfach nur leben und führt ein Tagebuch, das jetzt herauskommt. Eine Begegnung.

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Sommer 1944. Brigitte Eicke (vorne) geht gern Rudern in Grünau. Foto: Brigitte Eicke
Sommer 1944. Brigitte Eicke (vorne) geht gern Rudern in Grünau. Foto: Brigitte Eicke

Zum Heulen oder zum Lachen? Das weiß man bei vielen Tagebucheinträgen von Brigitte Eicke nicht. Als sie am 1. Februar 1944 vor den rauchenden Trümmern ihrer Berufschule steht, entscheidet sie sich jedenfalls dafür, das Beste aus dem miesen Start in den Tag zu machen. „Unsere Schule ist ausgebombt, als wir hinkamen“, schreibt sie. „Wir sind dann zu Gisela nach Hause gefahren, und da haben wir nach Grammophon getanzt.“ Warum auch nicht? Eins ist klar, heute ist schulfrei. Und mit 17 liegt dem lebensfrohen Mädchen aus Prenzlauer Berg das Feiern näher als die Furcht vorm Fliegerangriff. Das bleibt so bis zur deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945, wie auf fast jeder Seite des jetzt erschienenen Buches „Backfisch im Bombenkrieg“ nachzulesen ist.

Brigitte Eicke freut sich, ja. Aber ein bisschen unangenehm ist es ihr schon, dass viele Leute nun von ihrem Leben erfahren. Nicht was im Buch drinsteht, ist ihr peinlich. „Das war halt so.“ Sondern dass der dicke Wälzer, der sich nur mit ihrer bescheidenen Person befasst, überhaupt existiert. Lang genug gedauert hat es. Gut 70 Jahre, um genau zu sein. Eicke ist 15, als sie Heiligabend 1942 zu Hause in der Immanuelkirchstraße 21 mit ihrem Tagebuch beginnt. Und sie ist 86, als es jetzt erscheint, herausgegeben von Annett Gröschner, Barbara Felsmann und Grischa Meyer.

Dass die Notizen, die der Bürolehrling von Ende 1942 bis Ende 1945 nur anfertigte, um täglich Steno zu üben, überhaupt wieder aus Eickes Bettkasten aufgetaucht sind, liegt an Annett Gröschner. Die sucht 1993 per Anzeige nach Zeitzeugen aus den Kriegsjahren. Eicke schickt ihr die Tagebücher, die sie 1948 zwar auf Schreibmaschine abgetippt, aber dann eingemottet hat. Nun wurden sie nach einem langwierigen Kraftakt veröffentlicht, der die unbekümmerten Erlebnisse eines Teenies in detailreiche Fußnoten bettet. Auf jeder Seite finden sich akribisch recherchierte Informationen zu Fliegerangriffen oder Kinofilmen, Begriffserklärungen und historische Erläuterungen. Sie sind das Rückgrat des Buches und der Spannungsverstärker zu den alltäglichen, von keiner politischen Reflektion angekränkelten Einträgen über Verliebtheiten, Freunde, Kino, Sport, Kleider, Verwandtschaft, Büro, Verdunkelung und Luftschutzbunker.

Das klingt dann am 27. Februar 1943 so: „Mit Waltraud bin ich heute Abend in die Volksoper gegangen. Es war eine schaurige Oper ,Die vier Grobiane‘. So ein Quatsch, ein richtig albernes Stück. Am Alex in der U-Bahn haben uns noch drei Soldaten angesprochen. Wir hatten kein Interesse mitzugehen. Es werden überall die Juden abgeholt. Bei uns gegenüber der Schneider auch.“ Lakonischer lässt er sich kaum aufschreiben, der kurze Beobachtungsweg einer Zeitgenossin vom alltäglichen Vergnügen zur alltäglichen Deportation.

Dieser Inhalt und dieser Ton haben die Herausgeber an Eickes Kriegstagebuch fasziniert. „Es ist überhaupt nicht sentimental“, sagt Gröschner. Steno schaffe Lakonie, weil man gezwungen sei, nur das Nötigste aufzuschreiben.

Das praktiziert die drahtige, munter plaudernde Brigitte Eicke auch heute noch. Beim Kaffeekränzchen in der Wohnung von Annett Gröschner zeigt sie ihren Taschenkalender. Steht für heute noch nicht viel drin. Nur diese Verabredung halt. Später stenografiere sie natürlich noch was zum Interview, sagt Eicke, die inzwischen Urgroßmutter ist und nach wie vor in Prenzlauer Berg wohnt. Den Ratschlag ihrer Tochter „Quatsch nicht so viel, gib’ nicht so viel von dir preis“ beherzigt sie heute so wenig wie damals in den ursprünglich nur für sie bestimmten Notizen. Sonst gebe es einen Eintrag wie den vom 14. Juli 1945 nicht: „Heute war der glücklichste Tag. Ich war bei Herrn Sperling. Ich bin nicht mehr Nazi. Ich bin so so froh.“

Auf die Nazi-Liste der Russen mit anschließender Entnazifizierung ist Eicke als begeistertes BDM-Mitglied geraten. Am 6. Mai 1945 schreibt sie: „Mutti und Tante Walli sind zweimal zum Flakturm zum Friedrichshain Wasser holen. Es ist schon eine Plagerei mit dem Wasserschleppen. Es beginnt jetzt eine Nazi-Verfolgung, wie damals bei den Juden, was wird mit mir werden?“ Dass der Krieg verloren ist, kann sie tagelang nicht fassen. Bis zuletzt glaubt sie an die Propaganda vom Wunderwaffen-Einsatz. Und den von den Russen angeordneten Einsatz im Trümmerräumkommando absolviert sie mit der ihr eigenen Mischung aus Pragmatismus und Optimismus.

Egal, ob damals in der Nazizeit oder später in der DDR: „Man macht halt mit, lebt sein Leben und denkt, hoffentlich geht alles gut“, sagt Eicke. Sich für ihre Tagebuchnotizen zu rechtfertigen, fällt ihr nicht ein. Das hat ihr auch am viel diskutierten Fernseh-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ missfallen. „Da waren zum Schluss alle geläutert. Ich war Ende 1945 nicht geläutert, das war ich erst 100 Jahre später.“ Sie habe ihr Erlebnisse halt in der Gegenwart geschrieben, fügt Annett Gröschner hinzu und beim Abtippen 1948 im Nachhinein nichts geschönt oder gefiltert. Keine Spur von Selbstzensur. Das unterscheide sie von anderen Zeitzeugenberichten. Der Tagebuchbericht „Anonyma. Eine Frau in Berlin“ etwa, ist verglichen mit den Backfisch-Notizen, geradezu filigran geschrieben.

Schönen ist sowieso nicht Brigitte Eickes Stil. Ihr Vater sei Schweinetreiber auf dem Viehhof Eldenaer Straße gewesen, erzählt sie, als sie über ihre Kindheit Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre spricht. „Er hat immer gesagt, in der Schule soll ich auf die Frage nach seinem Beruf ,Viehexpident‘ antworten. Stimmt nicht, er war Schweinetreiber!“

Als das Tagebuch beginnt, ist er bereits tot. 1939 am neunten Tag des Überfalls auf Polen bei Bromberg gefallen. Eicke ist die erste Kriegshalbwaise in ihrer Gegend, die Leute sprechen sie sogar auf der Straße an. Dass auch in Berlin nicht nur gelebt, sondern gestorben wird, kann man am 26. März 1945 lesen: „Um 8 Uhr ins Geschäft. Fliegeralarm von zwei bis viertel vor drei Uhr mittags. Wir sind abends immer glücklich, wenn wir uns gesund wiedersehen und ebenso, wenn wir morgens wieder im Geschäft erscheinen. Mit Margot verabschiede ich mich jeden Nachmittag mit dem jetzt in Berlin üblichen Gruß: ,Bleib übrig‘.“

Backfisch im Bombenkrieg – Notizen in Steno, hrsg. Von Annett Gröschner, Barbara Felsmann, Grischa Meyer, Matthes & Seitz, 400 S., 29,90 Euro

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