Kultur : Klein, aber mein

Von Büchern träumen: Unabhängige Verleger diskutieren in der Berliner Literaturwerkstatt

Jörg Plath

Am Anfang war die Party. Schon bald, auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober, werden die unabhängigen Verlage wieder eine Party veranstalten. Natürlich gab es auch beim „1.Treffen junger Independent-Verlage“ in der Berliner Literaturwerkstatt eine Party. Davor und danach unterhielten sich die von den Feuilletons bejubelten Newcomer zwei Tage lang mit beachtlicher Kondition über Rabatte, Druckkosten und Marketing. Lange Partynächte stählen.

Das Leben junger Verleger ist aber auch anstrengend. Zwar haben Daniela Seel von kookbooks und Lars Birken-Bertsch von blumenbar zahllosen Journalisten die Geschichte ihrer Verlagsgründungen erzählt – und dennoch kein Buch zusätzlich verkauft. Allerdings sorgten doch die Medien dafür, dass die Häufigkeit der Neugründungen in den letzten Jahren auffielGruppe. Also organisierten Seel und Birken-Bertsch das Berliner Treffen. Der Versuch, Gemeinsamkeiten zu entdecken, traf offenbar die Stimmungslage. Am Ende meldeten sich 16 Verlage.

Ein bunter Haufen: Jungunternehmen wie blumenbar, kookbooks, liebeskind, tisch7, sukultur, orange press und Yedermann finden sich neben den Veteranen Rogner & Bernhard und Matthes & Seitz. Im breiten Altersmittelfeld tummeln sich Urs Engeler, Tropen, Maas, Ventil und Verbrecher Verlag. Sie sind nicht weniger exotisch als der Audiobuchverlag supposé oder Wallstein Belletristik, dessen Lektor Thorsten Ahrend von Suhrkamp kommt. Nur äußerlich wirkt das Bild homogen: Neu- und Kleinverleger und ihre ein, zwei Angestellten sind meist männlich, Mitte 30, bekleidet mit einem zuweilen ramponierten Sakko und gesegnet mit erstaunlichem Selbstbewusstsein. Nicht alle begreifen sich als „junge Independent-Verlage“, wie die vom Pop her kommenden Organisatoren vorschlugen. Aber alle halten die Frage, was man eigentlich sei, für weniger entscheidend. Ein amerikanisch anmutender Pragmatismus ist vielleichtdenn auch die größte Gemeinsamkeit der Runde. „Machen wir erst mal“, so Lars Birken-Bertsch, „dann wird es sich zeigen.“

Gemeinsam mit Daniela Seel hat er bemerkenswerte Gäste eingeladen: den Rostocker Kleinbuchhändler Manfred Keiper, Nina Hugendubel, Inhaberin der gleichnamigen, drittgrößten Buchhandelskette in Deutschland, und Birgit Politycki, die über die Medienkampagnen ihrer über die großenMedienkampagnen ihrer Agentur Pauw & Politycki referiert. Und Thomas Keul von der österreichischen Literaturzeitschrift „Volltext“ stellt Ideen für ein Kundenmagazin vor. Die anschließenden Fragen offenbaren allerdings eklatante Wissenslücken beim Nachwuchs. So mancher Nischenbewohner richtet sich offensichtlich im Wolkenkuckucksheim ein. Besonders Hugendubel weckt Begehrlichkeiten: Gehören nicht schon vier Bücher von blumenbar, Tropen und Yedermann zu den 2500 bestverkauften Hugendubel Titeln und werden im Zentrallager gehortet? Und wie kommen wir da rein, Frau Hugendubel?

Letztlich geben Nina Hugendubel, Birgit Politycki und Manfred Keiper den gleichen Rat: Kontakte aufbauen und pflegen. Alles laufe über persönliche Beziehungen. Das kennen die Verleger: Oft steht am Anfang ihrer Karriere das Manuskript einer Freundin oder die Empfehlung eines Freundes. Nun gilt es, diese Beziehungen zu professionalisieren. „Wir müssen harte Arbeit auf der Straße leisten“, übersetzte Jens Neumann von Ventil.

Also street credibility? Kaum: Lars Birken-Bertsch hat für Anzeigen im geplanten Kundenmagazin eine Autofirma und einen Mobilfunkkonzern kontaktiert. Nur Martin Baldes (orange press) scherzt, er kenne einen Landminenhersteller. Berührungsängste gibt es eher gegenüber Institutionen: Der Vorschlag des Tropen-Verlegers Michael Zöllner, bei der Bundeskulturstiftung Geld für eine Koordinationsstelle unabhängiger Verlage zu beantragen, befremdet viele.

Die gute Nachricht: Diese Verleger handeln lieber, als endlos zu diskutieren. Sie halten nichts von festen Strukturen; die wenigsten sind Mitglied im Börsenverein des deutschen Buchhandels. Aber sie wollen etwas bewegen. Die Newcomer sind nicht explizit politisch, pflegen jedoch ihre „Gegenöffentlichkeit“, bestehend aus Clubs, Lesebühnen und Freundeskreisen. Sie fürchten die Logik der Ökonomie ebenso wenig wie die große Konkurrenz. Weiteres Erkennungsmerkmal: Sie haben Ambitionen, wollen den Verkaufserfolg und doch authentisch bleiben. Was nicht mit Naivität zu verwechseln ist. Vielmehr verbindet sie eine sehr konkrete Utopie.

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