Kultur : Kleinbürger, überlebensgroß

Der Kampf um die Deutungshoheit: Christopher Roths irritierender „Baader“

Jan Schulz-Ojala

„Der Ort der Geschichte ist Teutschland, die Zeit der Geschichte um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Zeit des Schauspiels ohngefähr zwei Jahre.“ So bestimmte Friedrich Schiller 1782 die Realitätskoordinaten seines ersten Stücks, „Die Räuber“, eine aufregende Story um die Bande der Brüder Karl und Franz Moor. Und so wenig und so viel Zeit liegt auch zwischen dem neuesten deutschen Kino-Bandenstück namens „Baader“ und den ihm zugrunde liegenden tatsächlichen Geschehnissen – schlappe 30 Jahre. Nur: In ein paar Jahrzehnten wandelt sich gelebte Erinnerung in überlieferte Legende und, eine kleine Generation weiter, flink in Fiktion. Und Baader in eine wilde Mischung aus dem guten Bandenführer Karl und natürlich Franz, der Kanaille.

Was war los in jenem „Teutschland“ Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, in denen Christopher Roths „Baader“ spielt? Was trieb die Leute damals um, was machte sie rebellisch, was ließ sie mitten in der späten Wirtschaftswunder-Bundesrepublik verblüffend massenhaft mit den Zielen einer fraglos mörderisch agierenden Gruppe sympathisieren, zumindest so „ohngefähr“? Christopher Roth, man darf das aus seinem Film so forsch schlussfolgern, interessiert das nicht, jedenfalls nicht wirklich. Natürlich nervt das. Aber für einen Spielfilm, der jede Geschichte nach eigenem Gusto plündern darf, muss ihn das auch nicht interessieren, diesen Erinnerungsräuber namens Christopher, die Kanaille.

„Baader“ ist keine umfassende Ausforschung des grob gestrickten Großhirns der Baader-Meinhof-Gruppe, die irgendwann zum bleiernen deutschen Herbst hin nur noch „Baader-Meinhof-Bande“ hieß. „Baader“ ist kein Terroristen-Porträt, das sich vor dem Hintergrund des einzigen großen Aufbruchs der Bundesrepublik konturierte und diesen Aufbruch gründlich zerstörte in der Verfratzung der Schmidt-Phase und bis in den gemütlichkeitswütigen Vorschein der Kohl-Ära hinein. Und das alles will dieser Film auch gar nicht sein. „Baader“ ist nicht mehr als eine Skizze: das vage Psychogramm eines zunächst kleinkriminellen Autonarren, Machos und Sprücheklopfers, der aufgrund günstiger Gesellschaftsumstände plötzlich zur Ikone revolutionären Widerstands geworden war. Dabei verkörpert Baader – und Roth schließt das allein aus dem Blick ins imaginierte Innere der Gruppe – nichts weiter als den wildgewordenen Kleinbürger. Nunja, ein bisschen ausgerasteter schon als andere, aber wer wollte damals nicht auch ein BMW-Coupé mit Holztäfelung und Ledersitzen fahren – zur Not mit kleinem Banküberfall vorneweg?

Eine Verkürzung, klar, eine Karikatur; vor allem für die, die mit ihm hofften und kämpften und starben. Und so ist es kein Wunder, dass dieser Film in einem Land, in dem die Toten von Stammheim 1977 auch heute noch keineswegs durchgängig als Selbstmörder gelten, bei seiner Berlinale-Premiere furios durchfiel. Nicht nur, weil er fraglos nicht gut gemacht ist; auch die um 20 Minuten eingestrichene Version, die nun in die Kinos kommt, wirkt trotz fühlbarer Straffung wie ein seltsam phlegmatischer Videoclip. Sondern, weil er – vielleicht unbewusst – als die Kampfansage gelesen wurde, als die er – vielleicht ebenso unbewusst – angelegt ist: eine Attacke auf die Deutungshoheit in Sachen neuerer Zeitgeschichte.

„Baader“ veralbert die Wunde des deutschen Terrorismus nicht, im Gegenteil. Frank Gierings Baader hat durchaus und vor allem zu seinem Ende hin etwas vom tragischen Kinohelden, überlebensgroß. Viel schlimmer aber: „Baader“ privatisiert und egofiziert und konsumiert ein damals kollektiv empfundenes deutsches Drama. Dessen Zeitzeugen sitzen – anders als Roth, der in der Terrorismus-Frühphase gerade mal ins Grundschulalter kam – heute an den politischen, wirtschaftlichen und medialen Schaltstellen. Und sie selbst privatisieren und konsumieren, lauter kleine oder große Egos oder auch Kanaillen. Baader banal: Roth zeigt uns in seinem Film das unbequemste aller möglichen Spiegelbilder.

Wer heute, auch von jungen Regisseuren, erfahren will, was damals los war, erfährt es in Dokumentar- und auch Spielfilmen wie Andres Veiels „Black Box BRD“ oder Christian Petzolds „Die innere Sicherheit“. Nicht zufällig erzählen sie vom Echo, vom Nachbeben, vom Widerschein der deutschen Zeitgeschichte. Diese Nachgeborenen halten sich an die Nachgeborenen-Perspektive und fördern dabei verblüffend stimmig zutage, wie sehr das heutige Deutschland noch durch die Vereisung der mittleren siebziger Jahre, durch die ursprünglich gegen wenige Terroristen gerichtete innere Aufrüstung und Zurüstung geprägt ist. Christopher Roth dagegen – und mit ihm sein Team starker Figuren, von Laura Tonke als Gudrun Ensslin bis Vadim Glowna als BKA-Chef Herold – will in diese andere Zeit springen. Er springt daneben. Aber er springt.

Central, Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmtheater am Friedrichshain, Kant, Neues Off

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben