Kultur : Kleine Brötchen

Die Krise wird konkret: Wer auf Auktionen verliert

Matthias Thibaut

Statt der üblichen, angeregten Unterhaltung herrschte in den Londoner Auktionssälen Grabesstille. Zum ersten Mal seit fast 20 Jahren stürzten im Kunstmarkt die Preise auf breiter Front. Aber Auktionatoren und Händler machten gute Miene zum bösen Spiel. Christie’s Versteigerer Jussi Pylkkänen, der in der Prestigeauktion am Sonntag 21 von 47 Losen nicht und den Rest nur mit deutlichen Preisabschlägen verkaufen konnte, erinnerte sich der neunziger Jahre, als in einer Impressionistenauktion nur 17 Prozent verkauft wurden: „Ich habe schon Schlimmeres erlebt.“ Diesmal setzte er immerhin 55 Prozent ab. „Wenn man vergleicht, was in anderen Märkten passiert, ist die Liquidität im Kunstmarkt immer noch erstaunlich. Aber nun müssen wir die Preise anpassen“, kommentierte der Christie’s Vorstandssprecher Ed Dolman.

Über den Daumen gepeilt beträgt der Preiseinbruch mindestens 20 Prozent. Aber „jedes einzelne Werk ist ein Fall für sich“, betonte man bei Sotheby’s. Es werden immer noch Gewinne gemacht. Ein Interieur von Matthias Weischer aus der Sammlung des Tabakkonzerns BAT brachte einen Rekordpreis mit 337 250 Pfund. De Italien-Auktionen liefen glänzend. Spitzenpreise wie das bei Christie’s für 5,4 Millionen Pfund verkaufte kleine Porträt von Francis Bacon können sich sehen lassen, auch wenn sie unter Schätzung liegen: Erst vor knapp drei Jahren durchbrach ein sehr viel größeres Werk Freuds zum ersten Mal die Grenze von vier Millionen Pfund.

Zu den Verlierern gehörte Deutschlands Malerstar Gerhard Richter, von dem sich für die drei am höchsten taxierten Werke kein Finger rührte, darunter „Jerusalem“, ein Landschaftsbild, das Sotheby’s auf 5 bis 7 Millionen Pfund geschätzt hatte. Die US-Händlerin Nancy Whyte sicherte sich eine kleinere rote Abstraktion für eine halbe Million Pfund unter Schätzpreis für 2,8 Millionen Pfund oder 3,6 Mio. Euro und sprach von einer „Gelegenheit“. Auch wenn die Preise weiter fallen? „Man weiß nie, wann ein solches Bild noch einmal angeboten wird.“

Andy Warhol, der „Dow Jones des Kunstmarktes“, schnitt kaum besser ab: Von 29 Werken wurden nur zehn verkauft – fast alle unter Schätzung. Am dramatischsten war der Nachlass für das eiförmige „La Fine di Dio“, das Christie’s auf „mindestens 12 Millionen Pfund“ geschätzt hatte. Nun wurde es für acht Millionen Pfund verkauft.

Bei den New Yorker Auktionen Anfang November werden sich die Auktionatoren nun bei den Einlieferern um dramatische Preiskorrekturen nach unten bemühen. Denn alles kommt darauf an, dass der Markt im Fluss bleibt, dass Kunstbesitzer weiter gute Kunst in den Markt geben und die Sammler, vor allem die Neuen aus Russland und den Schwellenländern, in niedrigeren Preisen eine Chance sehen und der Kunst auch die Treue halten, wenn widrige Winde blasen. Matthias Thibaut

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