Kultur : Kleine Fische

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Christina Tilmann beobachtet den Generationenkonflikt auf der Leinwand

Am Ende liegen sie hilflos im Krankenhausbett. Massige Gestalten, zu schwach, um auch nur nach dem Wasserglas zu greifen: Albert Finney, der „Big Fish“ aus Tim Burtons Film, der die wunderbarsten Geschichten erzählt hat, und am Ende werden sie alle wahr. Oder Rémy Girard aus Denys Arcands „Invasion der Barbaren“: der Familienpatriarch, der die Familie einem erfüllten Leben geopfert hat, erst kam das Vergnügen, Verantwortung kam nie. Und an ihrem Bett stehen die Söhne, längst erfolgreich als Redakteure oder Bänker. Söhne, die den Kontakt zum übermächtigen Vater abgebrochen hatten und nun reumütig ans Sterbebett zurückkehren. Die ihr Leben – und auch den Tod des Vaters – wunderbar managen können und erst spät begreifen, dass die Biografie der Eltern vielleicht doch reicher war.

Ist es Zufall, dass in dieser Kinosaison gleich mehrere Filme von der Abrechnung mit der Elterngeneration erzählen? Besser: von der versuchten Abrechnung, die in eine Aussöhnung mündet? Die den Abtritt der Patriarchen zeigen und sie gleichzeitig noch einmal aufs Podest heben – weil die Jüngeren zwar smart, erfolgreich, aber lange nicht so eindrucksvoll sind? Tim Burtons „Big Fish“, Denys Arcands „Invasion der Barbaren“, vielleicht, wenn auch unversöhnlicher, Jack Nicholson in Alexander Paynes „About Schmidt“, oder, um das Thema auf die Mütter auszuweiten, Lisa Cholodenkos „Laurel Canyon“, wo Frances McDormand als Alt-Hippie und Musikproduzentin die Kinder-Generation (Christian Bale und Kate Beckinsale) locker an die Wand spielt. Liegt es nur an der größeren Präsenz der älteren Schauspieler, die die glatteren Gesichter der Jüngeren ganz alt aussehen lassen?

Im Mainstream-Hollywood mag die Happy-End-Struktur an der Tagesordnung sein: Konflikte, ja, aber am Ende doch bitte Versöhnung. In Deutschland jedoch treffen diese Filme auf ein Klima, in dem der Ton zwischen den Generationen durch die Debatten um Rentenreformen und Altersvorsorge deutlich schärfer geworden ist, mit Äußerungen wie denen des Junge-UnionVorsitzenden Philipp Mißfelder oder hämischen Berichten über Florida-Rentner. Da mag das Versöhnungsangebot, das diese Filme aussprechen, nur allzu verlockend erscheinen – auch wenn damit ein neuer Konservativismus einhergeht: nicht die Idealisten, sondern die Bänker überleben.

Kleiner Trost: Die schönste Vater-Sohn-Geschichte verläuft anders: „Findet Nemo“ erzählt von einem Sohn, der der behüteten Welt des Vaters entfliehen will und sich aufmacht in die große Welt des Ozeans. Wenn er zurückkommt, wird er großartige Geschichten erzählen können, fast so wie Albert Finney in „Big Fish“. Und Nemo ist nur ein kleiner Fisch.

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