Kultur : Kleine Frau, was nun?

Premieren am Maxim Gorki Theater: „Der Biberpelz“ und „Miss Sarah Sampson“

Andreas Schäfer

Es gibt Menschen, die laufen erst zur Hochform auf, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Wenn ihnen die Hypothek über den Kopf wächst, der Ehemann apathisch auf dem Sofa sitzt und ein geklauter Rehbock an der Tür hängt. Wenn die eine Tochter vor ihrem Arbeitgeber wegrennt und die andere unbedingt zum Theater will. Wenn also alles drunter und drüber geht, dann schlägt die Stunde von Frau Wolff, Wäscherin beim reichen Herrn Krüger und verschlagene Hauptfigur in Gerhard Hauptmanns Sozialkomödie „Der Biberpelz“. Denn dann ruft Frau Wolff ihre Familienkompanie zur Räsong, wie es bei Hauptmann heißen würde, verteilt verbale Maulschellen an den Nachwuchs, verhandelt knallhart mit dem Nachbarn wegen des Rehbocks – und baldowert gleichzeitig neue Einnahmequellen aus. Zum Beispiel einen Stoß Holz klauen. Oder einen sündhaft teuren Biberpelz. Aber vorneheraus, logisch, im breitesten Berlinerisch immer schön von Bildung und Anstand jesprochen.

Hauptmann war 23, als er wegen einer Typhuserkrankung Berlin verlassen musste und nach Erkner zog. Dort war er nicht nur von der „sachlichen, elemantaren“ Landschaft beeindruckt, sondern verliebte sich auch in die Bevölkerung und betrachtete „eine Waschfrau, ein Spitalmütterchen mit der gleichen Liebe, als wenn sie eine Trägerin von Szepter und Krone gewesen wäre“. Mehr Milieustudie als vorwärtsdrängendes Handlungsdrama, strahlt das Stück eine rührende Achtung für die kleinen Leute aus und kontrastiert die Sorgen der einfachen Bevölkerung mit der Überheblichkeit des Amtsvorstehers. Haushoch lässt Hauptmann den Mutterwitz der Wolff gegen die Korinthenkackerei des von Wehrhahn (Andreas Leupold) gewinnen.

Ursula Werner ist diese Frau Wolff am Maxim Gorki Theater, eine grandiose Gesichtsakrobatin der Verstellung, eine hinreißende Königin der Durchwurstelei. Mal pöbelt sie, mal säuselt sie mit Brigitte-Mira-Krächzen in der Stimme. Ihr innerer Blick kennt nur ein Objekt: Geld. Logisch, dass als Nebeneffekt des unbedingten Hochkommenwollens alle Beziehungen zu Deals werden, bei denen nicht nur der Rehbock, sondern auch mal eine Tochter (Wanda Perdelwitz) verscherbelt werden kann. Das sympathisch Durchtriebene und das herzlos Rohe gehen hier Hand in Hand.

Kapitalismus fängt in der Familie an (oder hört dort auf) – das ist die Hauptthese Armin Petras, der zusammen mit dem ehemaligen Assistenten Ronny Jakubaschk Regie führt. Die beiden stecken die Geschichte in ein zeitgemäßes Prolo-Kleid und verlassen sich ansonsten etwas zu sehr auf den staubtrockenen Humor, der entsteht, wenn man Hauptmanns Dialekt in Zeitlupe zelebriert.

Anspruchsvoller, aber nicht weniger amüsant geht die Schweizerin Barbara Weber mit Lessings „Miss Sarah Sampson“ um, das einen Tag später im Studio Premiere hatte. Weber, die ab der nächsten Spielzeit zusammen mit Rafael Sanchez die Leitung des Zürcher Theaters am Neumarkt übernimmt, liest das bürgerliche Trauerspiel als Intellektuellendrama verweichlichter Existenzialisten. Sara (Anja Schneider) ist mit Mellefont (Peter Moltzen) vor ihrem Vater geflohen und hockt nun seit Wochen im Hotel fest, wo Mellefont auf Geld von einem Vetter wartet, das nie kommen wird. In der Zwischenzeit blühen bei Sara die Zweifel an seiner Liebe und die Schuldgefühle ihrem Vater gegenüber. Von außen wird die prekäre Liebe durch Marwood (großartig: Anne Ratte-Polle) bedroht, Mellefonts Ex-Geliebte, die mit ihrer Tochter Arabella (Hanna Eichel) angereist kommt, um Mellefont zurückzugewinnen.

Bei Weber findet die Handlung in einer Hotelbar statt, gefühlte Uhrzeit drei Uhr morgens, und die unwirkliche Atmosphäre passt perfekt zur Unentschlossenheit der Figuren, die nicht in den anderen, sondern in ihre gepflegte Ambivalenz verliebt sind. Anja Schneider trägt rote Lippen zum schwarzen Rolli und erregt sich vor allem, wenn sie hinter der Schreibmaschine sitzt oder vom Vater schwärmt. Peter Moltzen beweist seine Rückgratlosigkeit wörtlich: Gummiartig fällt er in sich zusammen, sobald eine Frau etwas von ihm verlangt. Auch ihm fehlt der Vater, also Männlichkeit, und konsequent hat Weber den Auftritt des Vaters gestrichen. Er ist der große Abwesende, der in Gedanken freilich so präsent ist, dass niemand zueinanderkommen kann. Konsequent ist auch Webers neues Ende, das die Tochter Arabella in den Vordergrund rückt. Als sie merkt, dass der Vater ein Weichei ist und die Mutter sie nur als Lockvogel missbraucht, hält sie die Gesellschaft dieser ewigen Kinder nicht mehr aus – und macht reinen Tisch.

„Der Biberpelz“, wieder am 20. und 28. 11. sowie 4. 12., „Miss Sarah Sampson“ am 20. 11. und 7. 12.

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