Kultur : Kleine Heilige

Wasserzeichen: Der Videokünstler Bill Viola zeigt neue Arbeiten bei Haunch of Venison

Thomas Wulffen
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Ophelia? Im Video von Bill Viola treibt ein Mann im Wasser. Foto: Haunch of Venison

Als 1992 Bill Viola seine Videoarbeit „Das Nantes Triptychon“ zum ersten Mal zeigte, löste er einen Skandal aus, weil er ein Bildverbot bewusst ignoriert hatte: die physische Darstellung eines allegorischen Bildes. Auf der linken Seite der dreiteiligen Videoarbeit war die Geburt eines Kindes zu sehen, auf der rechten Seite das Sterben einer weiblichen Person. Dass es sich bei dem Kind um den Sohn des Künstlers handelt und bei der Sterbenden um die eigene Mutter, wird weder geleugnet noch bestätigt. Dass sich Bill Viola aber in dieser Arbeit auf Vorbilder aus der klassischen Malerei bezog, wird ein Kennzeichen bleiben.

Seine jüngeren Werke, die jetzt in der Galerie Haunch of Venison zu sehen sind, scheinen sich auf den ersten Eindruck davon zu entfernen. Das gilt sowohl für die Arbeiten aus der Serie der sogenannten „Transfigurations“ als auch für das Einzelwerk „The Messenger“. Sein „Bild“-Verständnis hat Viola in einem früheren Interview erläutert: „Ich bin nicht so sehr an einem Bild interessiert, dessen Quelle in der realen Welt liegt, sondern eher an einem Bild als Artefakt, Ergebnis oder Druck oder sogar vollkommen bestimmt durch eine Art innere Verwirklichung. Es ist das Bild eines inneren Zustands und als solches vollkommen genau und realistisch.“ Eine solch realistische und zugleich abstrakte Kunst, die sich im Medium der Videoinstallation realisiert, erlebt der Betrachter in „The Messenger“ im Hauptraum der Galerie. Konzipiert war die Arbeit, die einen nackten, im Wasser treibenden Mann zeigt, für die Kathedrale von Durham. Zuweilen taucht der Körper auf, gewinnt damit Form und Atem, um danach wieder im Wasser zu versinken und sich in der Tiefe des Wassers aufzulösen.

Ist das nun Mystik oder Metaphysik? Eine Antwort findet der Betrachter in den kleinformatigen Werken im zweiten Raum der Galerie. Auf Plasmabildschirmen werden Paare und Einzelpersonen sichtbar und verschwinden wieder. Dabei durchqueren sie eine Wasserwand, hinter der sie nur noch als Silhouetten erscheinen. Das Thema verweist zurück auf Violas berühmtes Videowerk „The passing“ von 1991, das während des Berlinale-ForumExpanded-Programms als restaurierte Fassung in der Galerie zu sehen ist (5.-15. Februar, tgl. 11-20 Uhr). Es zeigt Bilder im Umkreis von Geburt und Tod und setzt die Metaphorik des Wassers in Szene und ist ein Vorläufer für das „Nantes Tryptichon“. Die Serie der „Transfiguration“ lässt jedoch auch andere Deutungen zu.Man kann den Wasservorhang, durch den die Darsteller gehen, als eine Metapher für die Grenze zwischen Bild und Abgebildetem deuten. Der Videozyklus entwickelt sich so zu einer Reflektion über das eigene Medium.

Am überzeugendsten wirkt das in den kleinformatigen Arbeiten, die das Bildhafte des Videos noch deutlicher werden lassen. Der Titel ist dann auch schon fast ironisch: „Small Saints“. Die „kleinen Heiligen“ entfernen sich von einer Metaphysik, die mit der Zeit keineswegs zeitlos ist. Damit ergibt sich ein Anschluss an ein Art Videotagebuch, das ebenfalls im Beiprogramm der Berlinale gezeigt wird: „Hatsu-Yume“ von 1981. Wer das gesamte Programm verfolgt, erhält so einen Überblick zum Werk von Bill Viola, das heute keinen Skandal mehr auslösen kann, weil wir dem elektronischen Bild keinen Aufruhr mehr zumuten.

Galerie Haunch of Venison, Heidestraße 46; bis 3. Februar, Di-Sa 11-18 Uhr.

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