Kultur : Kleine Kopfmusik

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Peter von becker ist angesichts der Love Parade halb Ohr

Was unterscheidet das Fernsehen von der Wirklichkeit? Vieles, naturgemäß. Aber bei Großveranstaltungen wie Rockkonzerten oder Fußball vor allem das: Man sieht mehr und hört weniger. Die Television lässt ferner, näher, wenngleich nicht immer tiefer blicken. Doch das zigtausendfache Rauschen, Tönen, Dröhnen, das einen im Stadion oder einer vollgepackten Konzerthalle sofort erfasst, davon bringt der Heimfernseher nicht einmal eine Ahnung ins Haus. Gutes Beispiel ist auch die Berliner Love Parade. Man riecht nichts vor dem Schirm (das kann hier von Vorteil sein), doch man hört auch nichts. Was die Mikrophone vom großen Wummern einfangen und den aufgekratzten Reporterstimmen unterlegen, ist akustisch allemal die Altersheimvariante.

Nicht, dass die Raverwirklichkeit so unendlich viel wilder, geiler, fröhlicher wäre als es die (meist superfröhlichen) Fernsehbilder vorstellen. Aber die wahre Parade ist allemal eines: viel, viel lauter. Und das gehört dazu. Selbst wer Techno im Vergleich zu Bach oder den Stones eher weniger schätzt , muss zugeben: Das Wummern auf Herzfrequenz trifft einen, macht das Dröhnen für manche zur Droge. Das freilich schafft empfindsameren Gemütern, die nicht mehr und noch nicht von der leichten Schwerhörigkeit sehr junger oder recht alter Menschen gesegnet sind, ein Problem. Ihr Vorbild ist Odysseus, der den todbringenden Sirenen-Gesängen mit dem Trick begegnete, seinen Gefährten die Ohren mit Wachs zu verschließen und ihn, den einzig Unbetäubten, an den Mast des Schiffes zu fesseln. So konnte Odysseus den legendären Klang genießen, ohne ihm ins Verderben zu folgen.

Zweieinhalbtausend Jahre nach Homer hat der Berliner Drogist Maximilian Negwer 1907 angesichts (oder angehörs) des damals zunehmenden Hauptstadtlärms das „Ohropax“ erfunden: den knetstöpselartigen rosa Ohrenfrieden aus Vaseline, Watte und Paraffinen. Wer Ohropax erstmals benutzt, kreiert oft einen inneren Techno-Sound: indem er statt beglückender Stille das Wummern seines Bluts, den eigenen Puls vernimmt. Mit richtiger Formung des Wachses, also mit wachsender Erfahrung sind solche Binnentöne bald gebannt. Aber für den, der die Love Parade hören und doch nicht ertauben möchte, ist die wächsernde Schalldämmung ungeignet. Man wird da, in sich versiegelt, zum Autisten unter lauter Ausgelassenen.

Darum braucht es jene poröseren, von wahren Jüngern des Odysseus und des Ohrenwachses verachteten Kunststofftöpsel: die sich in unserer zarten Hörmuschel anfühlen wie eine Mischung aus Styropor und Schaumstoffbesen. Andere laufen mit professionellen Ohrklappen rum, wie Flughafenangestellte oder menschliche Mickymäuse. Und man hat den Verdacht, es sind womöglich nicht nur Schalldämpfer. Sondern Kopfhörer – und ihre Besitzer haben auch heute Bach im Ohr. Oder die Stones.

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