Kultur : Kleine kosmische Fragmente

Sternstunde: Der Kunsthandel Wolfgang Werner eröffnete gestern die Ausstellung „Paul Klee als Zeichner“

Ulrich Clewing

Irgendetwas an diesem Blatt muss seinen Urheber mächtig gestört haben. Also nahm er eine Schere, setzte in der Mitte an, und schnitt das fertige Bild in zwei Teile. Dann vertauschte er die beiden Hälften, betrachtete das Arrangement eine Weile und war mit dem Resultat auf einmal doch recht zufrieden. Paul Klee klebte das Ganze auf Pappkarton, signierte links oben und damit war die „Komödie“ gerettet.

Heute, etwa 82 Jahre nach dieser künstlerischen Selbstregulierung, ist das 1921 entstandene Werk nicht nur eine der schönsten Zeichnungen in der Ausstellung „Paul Klee als Zeichner“, die gestern Abend bei Wolfgang Werner eröffnet wurde, sondern mit einem Preis von 120 000 Euro auch eine der teuersten. Gezeigt werden gut zwei Dutzend Arbeiten auf Papier aus allen Schaffensperioden Klees, angefangen mit „Ostermundigen – Steinbruch“ (1909, bereits verkauft), die aus dem Bestand des Malers Sam Francis zu Werner gekommen ist, bis hin zu dem Blatt „Bastard“ von 1939, dem Jahr vor Klees Tod, einer Leihgabe aus Privatbesitz.

Seine Zeichnungen hatten für Paul Klee stets einen besonderen Stellenwert. Oft beklagte er, dass sie bei anderen – wie er meinte – nicht den ihnen gebührenden Anklang fanden. So ist bei Werner denn auch die ganze Bandbreite von Klees grafischer Bildsprache zu besichtigen, die sämtliche einschneidenden Lebensstationen des Künstlers umfasst: seine Mitgliedschaft im Blauen Reiter im München vor dem Ersten Weltkrieg, seine Reise nach Tunis mit August Macke und Louis Moilliet, die Bauhaus-Zeit ab 1920, seine Flucht aus Deutschland 1933, die letzten Jahre bis zu seinem Tod 1940 in der Schweiz.

Da sind feine, fast wie Radierungen wirkende Federzeichnungen („Langes Haar und Seelisches“, 1929, 42 000 Euro); frühe lavierte Bilder wie „Hannah I“ von 1910, „2 Damen“ von 1911 oder das kubistische „Kleine kosmische Fragment“ von 1915 (zwischen 38 500 und 78 000 Euro); Aquarellzeichnungen („Ländlicher Hanswurst“, 1925, 75 000 Euro); reduzierte, lediglich aus einigen wenigen Strichen bestehende Bleistiftzeichnungen („Und noch ein Kamuff“, 1939, 37 000 Euro) und Mischformen wie der teils getupfte, teils durchgezogene „Pastor“ von 1925, ebenfalls Leihgabe aus Privatbesitz.

Bei alldem erweist sich Klee einmal mehr als grandioser Meister der Linie. Wie kaum einem anderen gelang es ihm, mit geringem Aufwand größtmögliche Wirkung zu erzielen. Für Klee muss das Zeichnen so gewesen sein wie für einen Schriftsteller das Schreiben: Häufig genügten ihm einzelne Bögen, Häkchen, Punkte, um den ganzen Nuancenreichtum an sinnfälligen Darstellungen auszuschöpfen. Abstrakte Formen werden bei ihm zu Buchstaben eines Alphabets, in dem sich die einzelnen Elemente fast wie Worte lesen lassen. Paul Klee, so schrieb der Kunstkritiker Will Grohmann 1925 als junger Mann in einem frühen, bislang weitgehend unbekannten Text über dessen Zeichnungen, der im die Ausstellung begleitenden Katalog abgedruckt ist, „dringt vor bis in die Bezirke, wo das Leben entsteht, und von da aus ist es für ihn nicht schwer, jede Regung seiner Psyche zu notieren, sei sie nun bildhafter, nachdenklicher oder musikalischer Natur“.

Dass ein solches Konvolut überhaupt auf den Markt gelangt, ist eine große Seltenheit, schließlich befinden sich die meisten Zeichnungen von Paul Klee in öffentlichen Sammlungen – und davon wiederum der größte Teil in der Kunsthalle in Bern, dem Geburtsort Klees. Und so war auch in diesem Fall Zufall im Spiel: Bis auf die zwei Leihgaben stammen alle Zeichnungen aus einer kanadischen Privatsammlung, die in den letzten dreißig Jahren zusammengetragen wurde und ausgesprochen prominente Provenienzen hat. Ein paar der wichtigsten Kunsthändler aus Europa und den USA sind hier vertreten: Kornfeld, Sabarsky, Berggruen, Beyeler, dazu gesellen sich die Berner Klee-Gesellschaft, die Crème der Berner und New Yorker Sammlerschaft und natürlich die Familie (Lily Klee, Felix Klee). Um Klee kennen zu lernen und wiederzusehen, war man in Berlin bisher auf die Sammlung Berggruen angewiesen. Nun macht in der Fasanenstraße ein nahezu ebenbürtiges Pendant Station: Paul Klee als Zeichner, ein Ereignis, wie es in Berlin schon lange nicht mehr vorgekommen ist.

Kunsthandel Wolfgang Werner, Fasanenstraße 72, bis 26. November; Dienstag bis Freitag 10 – 18 Uhr, Sonnabend 10 – 14 Uhr, Katalog 10 Euro.

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