Kultur : Kleine Schatten, große Wirkung

KLASSIK (1)

Jens Hinrichsen

Dem Geiger gebührt Dank. Der Komponist traf ihn in Berlin, im Sommer 1879. Es war Joseph Joachim, der legendäre Violinist, der Antonin Dvorák den entscheidenden Anstoß zum Violinkonzert a-Moll gab. Warum der Virtuose es selber nie aufführte, bleibt ein Rätsel. Eine schlichte Indisposition dagegen hat verhindert, dass Stargeiger Augustin Dumay im Konzerthaus mit dem Berliner Sinfonie-Orchester und Chefdirigent Eliahu Inbal zusammenkommt. Aber Antje Weithaas, die für Dumay einspringt, ist ein würdiger Ersatz: In den Allegro-Sätzen leuchtet die Solistin ihre Einsätze furios-strahlend aus, im lyrischen Mittelteil schmiegt sich ihr warmer Ton klangsinnlich ein, namentlich in den Flötenklang. Nur trumpft das Orchester zu wuchtig auf, was Dvorák auch dort nicht zuträglich ist, wo er volkstümlich-heiter wird.

Ein nicht weniger kraftvolles, wundervoll schattiertes Bild bietet sich bei Bruckner. Die Erstfassung der Vierten Symphonie ist eine Spezialität Inbals; davon zeugt seine Pionier-Einspielung von 1981. Der von abrupten Brüchen und dichtem Orchestersatz fast überladenen Urversion rückt das BSO mit einer Präzision zu Leibe, die dank Inbals lässigem Schlag nie penibel wirkt. Wer an die jüngere Fassung gewöhnt ist, für den bedeutet Inbals Bruckner-Abenteuer das ultimative Wechselbad. Es drängt und stürmt ohne Unterlass. Nirgendwo wehen die laueren Piano-Lüftchen der revidierten Version, für die der Komponist praktische Gründe anführte: „Es sind zum Beispiel im Adagio zu schwierige, unspielbare Violinfiguren ...“ Wir müssen Bruckner widersprechen. Dem Berliner Sinfonie-Orchester gelingt auch das. Den Geigern sei Dank.

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