Kultur : Kleiner Bruder

Noch leuchtet es nicht: zum Finale des vierten Berliner Literaturfestivals

Jörg Plath

Man kann nicht immer 17 sein. Irgendwann kommt das, was man früher den Ernst des Lebens nannte. Bei Katzen und Großveranstaltungen zählt jedes Jahr mehrfach, weshalb das Internationale Literaturfestival Berlin nun nach erst vier Jahren erwachsen geworden ist. Niemand möchte die elf Tage literarischen Ausnahmezustands mehr missen. Die von Ulrich Schreiber gegen viele Widerstände durchgesetzte Veranstaltung hat dieses Jahr erstmals die Mühen der Ebene bewältigen müssen und sich achtbar, aber nicht glänzend geschlagen. Organisationsmängel, unvorbereitete Moderatoren und zuweilen enttäuschende Autoren schmälerten den Genuss.

Unverändert: die Überfülle des Angebots. Das Festival offeriert den Luxus, schon mittags Poeten aus entlegenen Weltgegenden über ihre Gedichte sprechen zu hören und sich ohne Unterbrechung bis Mitternacht in fiktiven Welten aufzuhalten: Literatur an mehr als 50 Orten, in Schulen, Gefängnissen, Einkaufspassagen. Eine 48-seitige Programmbroschüre lotste durch den Dschungel von 350 Lesungen, Vorträgen, Diskussionen und Filmen von 144 Autoren und Intellektuellen. Dem gaben sich 31000 Menschen gern hin, zum größten Teil Schüler, für die das Kinder- und Jugendliteraturprogramm nochmals erweitert wurde.

Die Zahl der erwachsenen Besucher allerdings hat erstmals abgenommen, und dafür gibt es Gründe. Im letzten Jahr lockten die Nobelpreisträger Imre Kertész und Günter Grass und der Bestsellerautor Jonathan Franzen. Dieses Jahr folgten ihnen Juri Andruchowytsch, Peter Carey, Durs Grünbein, Gianni Celati, Christoph Hein, Viktor Jerofejew, Henning Mankell, Claudio Magris, Les Murray und Grégoire Solotareff - immer noch eine Klassemannschaft, aber mehrheitlich keine Zugpferde. Und bei den unbekannten Autoren gab es einige krasse Fehlgriffe.

Prominenz bot das Festival gleichwohl, freilich solche aus Film, Funk und Fernsehen. Michael Friedman und zwei Bundesminister traten auf, außerdem Fritzi Haberlandt und Sissi Perlinger. Immerhin füllten sie das Theater am Halleschen Ufer, das HAU 2. Leider aber erwies sich das HAU (und zwar 1-3!) als kompletter Fehlgriff. Die Fußwege zwischen den Orten waren zu lang, es entstand keine Festivalatmosphäre. Letztes Jahr war man im Ausschank der schön ruinösen und zentral gelegenen Sophiensäle stehen geblieben, hatte getrunken, viel zu laut geplaudert und der Dinge geharrt, die da kommen. In Kreuzberg musste man seine Wege planen – und so verloren sich nicht nur die Zuhörer von Jonathan Lethem („Motherless Brooklyn“) im Saal des Hebbel Theaters. Viele Lesungen fanden gleich im Foyer statt.

Gut besucht waren dagegen die meisten Lesungen in Mitte. Das lässt für die Zukunft einiges befürchten, wenn das Literaturfestival größtenteils im Haus der Berliner Festspiele stattfinden wird. Unter deren sicheres Dach hatte Ulrich Schreiber sein stets gefährdetes Kind im Frühjahr gesteuert. Der „kleine Bruder“ der Berlinale, jubelt er in der Programmbroschüre, sei entstanden. Die Assoziation ist für beide Partner ein Gewinn: Schreiber erhält Planungssicherheit und institutionelle Durchsetzungskraft, Festspiele-Intendant Joachim Sartorius bekommt vorerst ohne materiellen Aufwand eine ganze Sparte geschenkt, in der sich der Lyriker bestens auskennt. Bleibt das Problem mit dem Haus der Festspiele und seinen 1000 Sitzen – Schreiber will die Foyers nutzen, Zelte aufstellen, vielleicht die „Bar jeder Vernunft“ bespielen und natürlich weiter in Mitte präsent sein.

Dort sollen die Diskussionen über die UNO fortgesetzt werden, auf denen etwa Carla Del Ponte, die Chefanklägerin des Den Haager Kriegsverbrechertribunals, eine Eingreiftruppe der UNO befürwortete. In Zukunft will das Festival politischer werden und sich anderen Kunstgattungen öffnen. Schrumpfen aber soll es nicht, und so scheint die Selbst- und Fremdausbeutung unter dem Dach der Festspiele weiterzugehen. Die Honorare für Autoren, Moderatoren und Schauspieler wie Katharina Thalbach, Frank Arnold oder Friedhelm Ptok sind mit 100 Euro beschämend, einige arbeiten kostenlos. 100000 Euro mehr wünscht sich Schreiber. 375000 hat er in diesem Jahr vom Hauptstadtkulturfonds erhalten, 105000 von Stiftungen und Sponsoren. Insgesamt gab es 40 000 Euro weniger als 2003. Für 2005 und 2006 sind Ulrich Schreiber bisher nur je 350 000 Euro vom Hauptstadtkulturfonds zugesagt worden. Diese Unsicherheit kennt er. Doch Fehler und Schwächen werden nur Neulingen verziehen. Das Festival muss sich endlich professionalisieren. Sonst dürfte auch den honorigen Berliner Festspielen eine heikle Diskussion über ungleiche Arbeitsbedingungen bevorstehen.

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