Kultur : Kleiner Mönch, was nun?

Ein, zwei, viele Kulturen: das 26. Kinderfilmfest

Julia Ziegler

Papa trinkt, Mama hat keine Zeit, die Lehrerin ist ein Monster und das Leben ein einziger Hindernislauf: Kleine Filmhelden haben es heute schwer. Auf sich allein gestellt, müssen sie Verantwortung übernehmen und kämpfen, bis es – vielleicht – eine Antwort auf die wichtigste Frage gibt: Wohin gehöre ich, und was kann ich glauben?

Viele ernste, nachdenkliche Beiträge sind unter den 14 Spielfilmen und 16 Kurzfilmen, die die Verantwortlichen des 26. Kinderfilmfests aus rund 200 Einsendungen ausgewählt haben. „Alltag und Spiritualität“ nennt der neue Leiter Thomas Hailer die dominierenden Themen. Die Filme halten den westlichen Gesellschaften, in denen mittlerweile jede dritte Ehe geschieden wird, den Spiegel vor, indem sie von ihren teils herzlos mobilen Familienstrukturen erzählen; die vielen internationalen Produktionen öffnen aber auch die Augen für ganz andere Kulturen.

Charmant, heiter und zugleich voller Tiefe erzählt etwa Pia Bovins dänischer Film „Nenn mich einfach Axel“ (ab 8 Jahre) von einem Jungen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als mit seinem Vater in den Urlaub zu fahren. Doch der bricht sein Versprechen, und Axel muss seine Sommerferien mit seiner alleinerziehenden Mutter und der immer genervten Schwester zu Hause in der drögen Vorortsiedlung verbringen. Zum Glück gibt’s die muslimischen Nachbarn: Die Jungs klopfen coole Sprüche, tragen Goldkettchen und fahren schnelle Autos, und, wichtiger noch, in der Großfamilie ist immer jemand zu Hause. Da beschließt Axel kurzerhand, Muslim zu werden – Auslöser für viele vor Witz nur so sprühende Szenen.

Doch das Kinderfilmfest kann auch anders. Schon bei der Pressevorführung löste „Kleiner Mönch“ von Joo Kyung-jung bei den sonst so distanzierten Kritikern Schluchzen und Taschentuchgeraschel aus: Der Film erzählt vom jüngsten Mönch eines kleinen Klosters in Korea, der so gerne mit den anderen Kindern spielen würde und jeden Tag darauf wartet, dass seine geliebte Mutter ihn wieder nach Hause holt. Doch Stunde für Stunde muss er in der Abgeschiedenheit des Tempels verbringen, sich in die buddhistischen Lehren vertiefen und die Schikanen seines Meisters ertragen. Nur manchmal darf er hinaus in die karge koreanische Landschaft – „Kleiner Mönch“ bewegt durch seine Geschichte, seinen grandiosen Hauptdarsteller (Kim Tae-jin) und wunderschöne Landschaftsaufnahmen.

Viele Filme dieses Jahrgangs wollen den Kindern Kraft und Verständnis für ihren Alltag geben und zugleich die Offenheit und Neugierde für andere Kulturen und Lebensentwürfe stärken. In „Unter Wasser“ von Eitan Londner ertränkt die junge Michal den Kummer über die Scheidung ihrer Eltern in ausdauernden Schwimm-Exerzitien. Der schwedisch-finnische Beitrag „Elina“ erzählt in faszinierenden Bildern von einem Mädchen, das den Tod ihres Vaters nicht verkraftet und verzweifelt gegen die ungerechte Lehrerin kämpft. Im „Hotel Hibiscus“ leben drei Geschwister zusammen, die alle verschiedene Väter haben. Und in Jörg Grünlers „Der zehnte Sommer“ vertreiben sich vier Freunde aus der Provinz ihre Langeweile, indem sie einen Zoo gründen. Politisch ambitioniert wiederum ist „Miss Entebbe“ des israelischen Regisseurs Omri Levy. Vor dem Hintergrund der Flugzeugentführung von Entebbe 1976 nehmen drei Nachbarskinder einen palästinensischen Jungen als Geisel, um die Mutter eines der Freunde aus einem entführten Flugzeug freizupressen. Eine abenteuerliche Geschichte, in der Spiel plötzlich zu blutigem Ernst wird – und in der auch manche Fragen offen bleiben.

A propos Ernst: Manchmal wünscht man sich beim Sehen dieser Filme, ein bisschen mehr lachen zu können. Humor und Fantasie finden sich vor allem in den Kurzfilmen für die Vierjährigen, für die Kinder ab neun dagegen bleibt nicht viel Platz zum Träumen. Muss man wirklich schon so früh erwachsen werden?

Zoo Palast, Cinemaxx 4 und Filmtheater am Friedrichshain. Tickets: 3 Euro, ab fünf Personen jeweils 2 Euro .

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