Kultur : Kleiner Schritt, weiter Weg (Kommentar)

Bernhard Schulz

Je größer die wechselseitige Verbitterung, desto dankbarer werden selbst kleine Gesten registriert. Nach dieser Regel wird die Moskau-Reise von Kulturstaatsminister Naumann und Bremens Bürgermeister Scherf wohl als Erfolg gewertet werden. 101 Zeichnungen aus dem Eigentum der Bremer Kunsthalle dürfen nach Hause zurückkehren, während Russland mit der Übergabe eines Mosaiks und einer Kommode aus dem verschollenen Bernsteinzimmer des Zarenhofes einen Beleg für den guten Willen der Bundesrepublik erhält, bei der Suche nach Kriegsverlusten nicht immer nur auf die Gegenseite zu zeigen.

Misst man den Moskauer Austausch allerdings an den Hoffnungen, die sich in der Endphase des Sowjetimperiums an die überraschende Preisgabe der jahrzehntelang eisern gehüteten Geheimhaltung der "Trophäenkunst" geknüpft hatten, fällt das Ergebnis mehr als bescheiden aus. In den kurzen Jahren um und nach 1990 bestand Aussicht, dass Russland sich ohne taktisches Geplänkel von der Last der Stalinschen Faustpfand-Politik befreien wolle. Doch das bald vernehmliche Pochen auf den alten Status der Siegermacht bewirkte eine zunehmend auftrumpfende Revision der guten Absichten. Mit dem Duma-Gesetz über die "Nationalisierung" der von der Roten Armee erbeuteten Kulturgüter wurde im vergangenen Jahr ein Schlussstrich unter die Rückwärtsentwicklung gezogen.

Um der zur Doktrin erhobenen Moskauer Position Genüge zu tun, Rückgaben allenfalls im Austausch gegen vermeintlich in Deutschland zurückbehaltene Kunstschätze russischer Herkunft zu gestatten, wurde die wechselseitige Übergabe von Dürer-Zeichnungen und Bernstein-Kommode ersonnen. Einen Weg aus der völkerrechtlichen Sackgasse weist das Vorgehen indessen nicht. Denn anders als Russland argwöhnisch mutmaßt, befinden sich auf deutschem Boden keine nennenswerten Schätze mehr, die Hitlers Schergen einst entführten - in Russland hingegen über zwei Millionen Beutestücke, darunter 200 000 Kunstwerke von Rang. Das völkerrechtlich zementierte - und in deutsch-russischen Verträgen mehrfach bekräftigte - Verbot, Kulturgüter als Kriegsbeute zu missbrauchen, lässt sich durch keinerlei Verweis auf die Asymmetrie wechselseitiger Ansprüche hinwegleugnen.

Das wusste die Bundesregierung seit jeher. Nur hatte sie es früher versäumt, der aus unermeßlichem Leid erwachsenen russischen Empfindlichkeit zumindest symbolisch Rechnung zu tragen. Lange Zeit wurde bestritten, dass sich hierzulande auch nur ein Mosaiksteinchen russischen Kulturgutes befinden könne. Erst mit Naumann hat das Kabinett die moralische Verpflichtung erkannt und bei Museen und Archiven genaueste Nachforschungen nach womöglich unrechtmäßigem Gut angemahnt.

An dieser Stelle überschneidet sich der Problemkreis der Beutekunst mit jenem des geraubten jüdischen Eigentums. Welche Flecken die deutsche Weste da noch aufweist - ungeachtet der Bemühungen um Wiedergutmachung in den vergangenen Jahrzehnten -, lässt die unter dem Begriff der "Linzer Liste" eingeleitete Initiative ahnen, allen ungeklärten Besitz über das Internet bekannt zu machen. Dass sich andere westliche Staaten zu vergleichbaren Maßnahmen veranlasst sehen, führt die gesamteuropäische Dimension der enteigneten und verlagerten Kulturgüter vor Augen.

Auch unter der in Russland zurück gehaltenen "Trophäenkunst" befindet sich jüdisches Eigentum. Doch eine Scheidung von "guter" und "schlechter" Kriegsbeute führt nicht weiter. Der einzig zukunftsweisende Weg besteht darin, das begangene Unrecht so weit als irgend möglich zu bereinigen. Und nachdem mittlerweile die gesamteuropäische Verantwortung für diese Bereinigung deutlich geworden ist, eröffnet sich für Russland eine Möglichkeit, das Stalinsche Erbe ohne vermeintlichen Gesichtsverlust aufzugeben. Eine europäische Vereinbarung, eine gemeinsame Anstrengung könnte den Schirm bieten, der Russland das Einschwenken aufs Völkerrecht erlaubt.

Vorerst muss es bei ein wenig Grafik und Bernstein bleiben. Aber wenn aus dem bescheidenen Tausch von heute die umfassende Rückgabe von morgen erwachsen könnte, hätte sich Naumanns Reise mehr als gelohnt.

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