Kleines Buch statt dicker Wälzer : Trost im Dünnen

Autoren mit Bestselleranspruch schreiben gerne viele Seiten voll. Dass es aber auch gelassener - und wesentlich kürzer - geht, beweist ein Blick in die aktuellen Büchercharts.

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Langeweile“, schreibt der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid in seiner kleinen, lebensanschaulichen Abhandlung über die Gelassenheit, „ist der Todfeind des modernen Menschen, immer das Gleiche, keine Abwechslung, nichts Neues“. Natürlich singt Schmid dann ein kleines Loblied auf ebendiese Langeweile in Form von unbedingt lebensnotwendigen Gewohnheiten, auf deren Erholsamkeit, „da sie von Wiederholbarkeit und Verlässlichkeit geprägt sind“.

Übersetzt in die Welt des Buchmarktes besteht diese Verlässlichkeit darin, dass zum Beispiel Donna Leon mit ihrem inzwischen 22. Brunetti-Roman natürlich wieder einen Nummer-eins-Bestseller geschrieben hat. Dass jeder neue Coelho- Erbauungstitel ganz vorn in den Charts landet oder Florian Illies’ „1913“ bestimmt bis 2018 (100 Jahre Erster Weltkrieg vorbei) in den Top Ten steht. Und dass jemand mit Bestselleranspruch immer mindestens 500, 600 Seiten vollschreiben muss. Schließlich will man sich als Leser eines Bestsellers zu Hause fühlen, einkuscheln und ihn am liebsten nie zu Ende gehen lassen.

Nun ist allerdings gerade Wilhelm Schmid mit seinem Gelassenheitsbüchlein der beste Beweis dafür, dass es anders geht, es tatsächlich einmal Abwechslung in den Charts gibt und auch ein kleinformatiges Werk mit gerade mal 120 Seiten (in großer Schrift) ein Hit werden kann.

Der Trend zum kleinen Buch

Natürlich ist es auch das Thema, das Schmid behandelt. „Gelassenheit“ ist ein Sehnsuchts- und Trostbuch für den modernen Menschen mit seiner Angst vor dem Älterwerden und dem Tod. Aber beim Blick hinüber in die Belletristikabteilung könnte man fast schon von einem Trend zum kurzen, kleinen Buch sprechen: Dort steht nämlich schon seit vielen Wochen mal auf Platz eins, mal auf Platz zwei Jan Weiler mit seinem Buch „Das Pubertier“, das auch eher so ein Büchlein ist, mit ebenfalls gerade mal 128 auch nicht sehr eng beschriebenen, noch dazu illustrierten Seiten. Man fragt sich, warum die Verlage es nicht öfter mal mit kleineren Büchern versuchen. Da scheint einiges zu gehen.

Zumal Weiler sich thematisch auf einem Terrain bewegt, das in den letzten Jahren mit „Pubertisten“- und-„Pubertistinnen“-Büchern eigentlich erschöpfend bearbeitet worden ist. Andererseits: Jede neue Elterngeneration braucht ihre Trostbücher (es geht doch allen gleich!), und Langeweile kommt mit pubertierenden Kindern sowieso nicht auf.

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