Kultur : Kleines, echtes Leben

Lust auf Klartext: die Gala zum 54. Deutschen Filmpreis in Berlin

Jan Schulz-Ojala

Schon schön, dieser Abend der gesammelten Wahrheiten. Irgendwie berlinerisch direkt, wie die Größen des deutschen Kinos da miteinander umgehen, mögen sie auch aus Köln, München oder Hamburg kommen. Schnoddrig und echt. Menschlich, allzu menschlich auch. Und ausnahmsweise überirdisch.

Der größte Augenblick: Sibel Kekilli natürlich. Die Selbstbefreiung einer Schauspielerin, die unmittelbar nach dem Berlinale-Triumph ihres Films „Gegen die Wand“ durch die „Bild“-Kampagne einen Absturz erlebte, wie nur finsterste Finsterlinge ihn irgend jemandem wünschen mögen. Wie sie nun da oben steht, frisch gekürte Preisträgerin, und strahlt und heult und strahlt: großes Kino? Nein, kleines, echtes Leben. Wie sie, im Gefolge des lüstern moralisierenden Boulevard-Feldzugs damals vom Vater verstoßen, zum Ende ihrer Dankesschluchzer herausschleudert: „Mama, Papa, ihr könnt stolz auf mich sein!“ Nie war eine Danksagung, waren Tränen weiter weg von Oscar-Routine.

Andere halten es eher mit Abrechnungen, eins zu eins. „Wurde auch mal Zeit“, kommentiert Kekillis Filmpartner Birol Ünel seinen Preis, in grimmiger deutschtürkischer Ghetto-Pose mit schwarzer Augenklappe. Oder dreht der Mann gerade „Fluch der Außenalster“? Unsinn, „ich möchte heute nur Freunde sehen“, erklärt er seinen Piratenschmuck. Jeder zweite Mensch ein Freund? Kein schlechter Schnitt. Aber Ünel spielt die Wut nur, spielt den Underdog, spielt sich selber einigermaßen angestrengt den Film-Birol vor. Und dass Regisseur Fatih Akin „Eier in der Hose“ hat, wie Ünel anmerkt – na, so ein Glück aber auch!

Dieser Ünel, kein Star. Kekilli schon, aber irre zufällig. Niemand will hier heute offenbar ein Star sein, bei der Gala im Tempodrom. Detlev Buck zum Beispiel: Er kriegt den Preis für seine Rolle in „Herr Lehmann“ und sagt: „Ich bin gerne Nebendarsteller.“ Nun, Buck ist immer witzig und seine Wahrheit immer die Zufallskehrseite der Koketterie. Und Sven Regener, Drehbuchverwandler seines eigenen Romans? Bittet wegen seiner Vaterpflichten ungeniert um Aufträge, die ihn in Berlin halten mögen. Peter Lohmeyer dito, nur für Hamburg. Und Fatih Akin, ebenfalls Hamburger: „Heimat ist da, wo ich meine Kohle verdiene.“

Hamburg immerhin ist ein aktuelles Politikum. Die dortige Kultursenatorin will die jährliche Filmförderung glatt halbieren, und weil die Sender oft nur bei ordentlich Filmförderzusagen miteinsteigen, droht dem Standort der Exitus. Großes Thema im Tempodrom, für jeden auf seine Weise. Ministerin Weiss, wie immer schwammig: „Eine Kürzung von Filmförderungen ist in dieser Zeit sicher nicht die richtige Antwort.“ Schneidend dagegen Buck, direkt zu Akin: „Fatih, du darfst den Preis nicht der Stadt Hamburg widmen, die dreht im Moment keine Filme.“ Womit er auch rückwirkend Recht hätte: Ohne Hamburger Filmförderung kein „Gegen die Wand“. Na, dann wäre das Ding eben in Berlin gedreht worden? So einfach ist das auch wieder nicht: Heimat ist für niemanden bloß der Ort, wo er seine Kohle verdient.

Dann der Ehrenpreis für Mario Adorf: Super-Gelegenheit zur Heuchelei. Aber Adorf (73) unterläuft sie. Okay, die Standing Ovations nickt er ab, aber wollt ihr mir hier die „Todesspirale“ andrehen? So wörtlich sagt er’s nicht, erinnert nur an den Spitznamen für diesen Ehrenpreis und redet sehr ernsthaft über Ruhestand, Rausgedrängeltsein aus dem Geschäft und Schluss. Fast bescheiden raunt er zwischenrein: „Ich wünsch’ mir lieber einen ganz normalen Filmpreis.“ Einen eben mitten aus dem Leben.

Auch Fatih Akin, der strahlende Abräumer des Abends, dem jeder den Sieg gönnt, hat eine fast philosophische Wahrheit parat. Ein paarmal war er schon nominiert, sagt er – und hat sich natürlich geärgert, wenn er doch nicht oben stand. Und jetzt? „So wichtig ist es auch nicht.“ Sagt’s im Augenblick des Triumphs, 30 Jahre und schon ziemlich weise.

Deutlich viele Danksagungen von Herzen an die Jury auch, die großartige Außenseiter wie „Die Kinder sind tot“ und „Kroko“ beschenkt hat. Nächstes Jahr gibt es die Jury nicht mehr, die Deutsche Filmakademie wählt selber ihre Besten aus. Mal gucken, wer dann wie heuchelt, wenn am Ende Michael „Bully“ Herbig die Goldene Lola bekommt.

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