Kultur : Kleines weltliches Ich

O Ewigkeit: Abert, Einstein, Hildesheimer & Co. schauen in den Spiegel

Christine Lemke-Matwey

Nichts – siehe oben – gibt es, was über Mozart nicht bereits geschrieben worden wäre. Spätestens die Jubiläen von 1956 und 1991 haben die einschlägige Literatur derart ins Kraut schießen lassen, dass es ganz egal ist, ob das Jubeljahr 2006 die Gesamtmasse nun auf 24 Kilo oder 24 Meter strecken wird. Kein ernsthafter Mozart-Leser, -Liebhaber oder -Interpret aber kommt ohne die Klassiker aus. Deren Gültigkeit speist sich – und das ist das Erregende jeder Wiederbegegnung – aus ihrer oftmals offensiven Zeitgebundenheit. Nicht wir also lesen Mozart, sondern Mozart liest uns.

Dabei hat sich die Moderne mit einer Mozart-Kritik konsequent schwer getan. Wer erschrickt nicht, wenn Ernst Bloch dem Symphoniker Mozart ein „kleines weltliches Ich“ unterstellt und nicht ganz hämefrei resümiert: „Das Ganze weist bei Mozart einen toten, unleidlich arithmetischen Zug auf, der der bewegten Beethovenschen Symphonie als einer gewählten, sich sichtbar und organisch zusammenfügenden Bildung prinzipiell widerspricht.“ (Geist der Utopie, Berlin 1923). Den einen Komponisten ästhetisch mit dem anderen totschlagen, Mozarts Klassizität unter den Scheffel von Beethovens Weltanschaulichkeit stellen – eine Methode, die nach 1945 spürbar aus der Mode kommen sollte.

So warnt Hermann Abert in seiner zweibändigen Mozart-Monografie von 1955 eindringlich davor, Kunst und Leben allzu augenfällig in Beziehung zu setzen – und zwar wiederum im Blick auf Mozarts drei letzte Symphonien, die in Es-Dur, die in g-Moll und die in C-Dur KV 551, die „Jupiter“-Sinfonie. Es sei dem Komponisten niemals in den Sinn gekommen, so Abert, „die Not seines äußeren Lebens in Musik zu setzen“. Auch die g-Moll-Sinfonie habe damit nichts zu tun: „Die dunkeln Kräfte, die da am Werke sind, entstammen einer ganz anderen, höheren Wirklichkeit als der des Alltags, und haben sein Inneres weit tiefer erschüttert, als jene.“

Das sieht auch Alfred Einstein so, der Leben und Werk sehr wohl als Einheit versteht und seine Analysen mit viel kluger Psychologie versetzt (Mozart, Sein Charakter – Sein Werk. Frankfurt 1968). Dass Mozart seine drei letzten Symphonien selber nie zu Gehör bekommen hat, erachtet er als Legitimation des Elfenbeinturms: „Kein Auftrag mehr, keine unmittelbare Absicht, sondern Appell an die Ewigkeit. Sind sie ein Zyklus? Folgte Mozart nicht nur einem inneren Drang, sondern einem Programm? Ist ihre Reihenfolge beabsichtigt? Ich glaube nicht.“

Daran wiederum muss sich Peter Gülke drei Jahrzehnte später leidenschaftlich reiben (Triumph der neuen Tonkunst. Kassel 1998). Und zwar nicht, weil die Mozart-Rezeption der Neunzigerjahre so versessen darauf gewesen wäre, alle Elfenbeintürme zu stürmen – im Gegenteil! –, sondern aus der Vorstellung heraus, dass die Werke gerade im Zyklischen eine Welt meinen, die über den reinen Notentext hinaus weist: „An der Verquickung der Legende, Mozart habe die Sinfonien ausschließlich im inneren Auftrag geschrieben, mit dem Bild der fensterlosen Monade, dem reinen, von keiner pragmatischen Äußerlichkeit befleckten Phänomen des in sich vollendeten Werks, hat auch die Spießbürgervorstellung teil, Künstlers Erdenwallen und Wirken müsse durch geringe Bodenhaftung, wenn nicht Not beglaubigt sein.“ Gülke mag bisweilen ein wenig kompliziert sein – was er denkt, ist immer brillant und inspirativ. Anschaulicher zu lesen, weil weniger intellektualistisch gefasst: H.C. Robbins Landons Erkenntnisse über „Mozart. Die Wiener Jahre 1781 – 1791“ (München 1990) . Von der programmatisch „schwankenden Grundstimmung“ in jeder der drei Spätlinge ist hier die Rede und davon, dass sich im langsamen Satz der g-Moll- Sinfonie eine „Zauberwelt“ vor dem Hörer ausbreite, „in der gleichen Tiefe wie jene geheimnisvollen Landschaften im Hintergrund vieler italienischer Gemälde des Quattrocento“.

Als Künstler, der versucht, den Prozessen des Schöpferischen auf den Grund zu gehen, hat sich auch der Dichter Wolfgang Hildesheimer begriffen (Mozart. Frankfurt 1977). Das galt und gilt als umstritten: weil das quasi Poetische viel Behauptetes – und faktisch nicht immer Richtiges – birgt. Die „Trias der drei großen Sinfonien“ nennt Hildesheimer übrigens lapidar einen „Gemeinplatz“, der darauf angelegt sei, „die vorhergehenden als weniger bedeutend erscheinen zu lassen“.

Was man dem begierigen Mozart-Leser wünschen möchte? Dass sich 2006 erfüllt, was Ulrich Dibelius schon 1972 in seinen legendären „Mozart-Aspekten“ wider jede selbstverständliche Vereinnahmung anmahnte: „Man müßte wohl Mozart erst einmal aus ehrlichster Überzeugung verdammen, seine Musik läppisch, abgestanden oder unerträglich geziert finden können, um dieser Nötigung, diesem Zwang zur Konformität mit all seinen stillschweigenden Eingriffen und Korrekturen entgehen zu können.“

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