Kultur : Kleinkrieg im Unterholz

Nachrichten aus Mittelerde: Das Berliner Festival „Britspotting“ präsentiert neue britische und irische Filme

Susanna Nieder

Bis an die Zähne bewaffnete Männer robben durch vollkommen friedliches Land. Helme, kugelsichere Westen, Tarnkleidung, das volle Programm – und noch nicht mal ein Karnickel in Sicht, geschweige denn ein Feind. Zum letzten Mal hat man solche Feierabendsoldaten in „Bowling for Columbine“ gesehen, wo Zivilisten aus dem Mittleren Westen mit paranoidem Ernst Krieg spielten. Auch im englischen Dokumentarfilm „AIPS“ schleichen Männer in Kampfuniform durchs Farnkraut, doch England wäre nicht England, wenn den Beteiligten das selbstironische Augenzwinkern abginge: „Jemand, der uns sehen würde, wäre sicherlich besorgt“, sagt einer von ihnen versonnen.

AIPS steht für „American Infantry Preservation Society“. Deren Mitglieder begeistern sich für den Vietnamkrieg, sammeln Uniformen, Schuhe, Zubehör bis hin zur Zigarettenpackung aus dem Jahr 1967. Die perfekt rekonstruierten Monturen führen sie am Wochenende in den Wald aus. Ein Mal im Jahr ist großes Militaristentreffen: da ein Trupp in US-Uniformen aus dem zweiten Weltkrieg, dort USA erster Golfkrieg, selbst deutsche Landser finden Liebhaber, die sie wieder aufleben lassen. „Re-enactors“ nennen sich die Männer im Wald und sagen: „Größere Pazifisten als uns gibt es nicht.“ Im Grunde ihres Herzens sind sie so harmlos wie die Jungs in Anorak und mit Kassengestell, deren Leidenschaft das Beobachten von Zügen ist, auf gut Englisch: „trainspotting“.

Was der Brite so treibt, kann der Berliner ab heute beim Filmfestival „Britspotting“ begutachten. Aus 18 Spiel- und Dokumentarfilmen, vier Double-Features mit kürzeren Filmen, sieben Kurzfilmreihen, Vorträgen und Rahmenprogramm ergibt sich ein Querschnitt durch die britische und irische Filmlandschaft der letzten drei Jahre. In einer Hommage an Michael Winterbottom wird neben vier Spielfilmen erstmals in Deutschland die in Großbritannien und Irland wegen ihres harten Realismus höchst umstrittene Fernsehserie „Family“ (Drehbuch: Roddy Doyle) gezeigt. „24h Party People“ ist ein Spielfilm, der als Dokumentarfilm daherkommt und die Karriere des TV-Moderators und Bandmanagers Tony Wilson (gespielt von Comedystar Steve Coogan) nachzeichnet. Für diesen Film muss man sich allerdings in der Musikszene von Manchester zwischen Punk und Rave auskennen.

Großartig ist dagegen der Musikfilm „Nobody Someday“. 2001 begleitete der Dokumentarfilmer Brian Hill eine Europatour von Robbie Williams. Das daraus entstandene Porträt zeigt einen Getriebenen, der sein Leben als Popstar und sich selbst in dieser Rolle zutiefst verabscheut, aber nicht davon lassen kann. Die unbändige Energie, die Robbie Williams zu einem grandiosen Entertainer macht, kann sich jederzeit auch gegen ihn wenden. Mit einer Offenheit, die wirkt wie ein Exorzismusversuch, spricht er über seine Alkohol- und Drogensucht – während der Tour unter Kontrolle –, die Entwurzelung durch den frühen Ruhm, die unerbittliche Verfolgung durch Fans und Paparazzi. Zu sehen bekommt der Zuschauer die Zerrissenheit eines Charismatikers, dem sich die Welt zu Füßen wirft, obwohl er sich die meiste Zeit selbst nicht ausstehen kann.

Um britische Popkultur geht es auch im Dokumentarfilm „The Men from the Agency“. Gemeint sind Werbegigant und Kunstsammler Charles Saatchi, Filmproduzent David Puttnam und Regisseur Alan Parker, die in den sechziger Jahren die englische Werbebranche vom Kopf auf die Füße stellten. Später trennten sich ihre Wege, Saatchi half Margaret Thatcher mit einer unvergessenen Werbekampagne beim Wahlsieg, Puttnam gestaltete über 15 Jahre später das neue Medienprofil der Labour Party mit und Parker machte sich auf zu einer Hollywoodkarriere, die andere britische Werbefilmer wie Ridley und Tony Scott auf den Plan rief. Das spannende Stück Zeitgeschichte ist allerdings etwas ermüdend präsentiert, wie bei jedem Club alter Knaben, die sich gegenseitig auf die Schulter klopfen.

Ein Film, der sich hauptsächlich um Frauen dreht, ist „Me Without You“ von Sandra Goldbacher, die Geschichte einer Mädchenfreundschaft. Die wunderbare Anna Friel spielt ein attraktives kleines Biest, das alle in ihrer Umgebung gegeneinander ausspielt, um selbst die meiste Aufmerksamkeit zu bekommen. Damit verhindert sie über Jahre die Liebesgeschichte zwischen ihrem Bruder Nat (Oliver Milburn) und ihrer besten Freundin Holly (Michelle Williams).

So bittersüß der Mädchenfilm, so düster ist der Jungsfilm „Out of Control“. Drei Teenager treiben sich in einer Südlondoner Trabantenstadt herum, wo kaum ein Vater bei seiner Familie bleibt und die wenigsten Bewohner Ausbildung und Arbeit finden. Mit schauriger Konsequenz vollzieht sich ihr Schicksal: Einer wird immer mehr zur Zeitbombe, einer findet den Weg nach draußen, doch es bleibt offen, ob die Vergangenheit ihn einholt, einer ist zu weich für die harte Umgebung und gibt auf. Dominic Savage (Buch und Regie) zeichnet ein bemerkenswert differenziertes Bild von gefährdeten Jugendlichen und ihren hilflosen Bewachern, das ohne wohlfeile Erklärungen auskommt.

Und weil keiner zwischen Ungarn und den Britischen Inseln wortlosem Entsetzen einen so nachhaltigen Ausdruck geben kann wie Lars Rudolph, engagierte John Hardwick (Buch und Regie) ihn für seinen skurrilen, berührenden Film „33x Around the Sun“. Rudolph spielt eine Art Alice im Wunderland, einen Suchenden in einer Welt voller seltsamer Zusammentreffen, in der schließlich seine eigene Identität umgestülpt wird wie ein Handschuh. Sehr sehens- und nachdenkenswert – wie auch „Footprints“, ein Dokumentarfilm über Streubomben, wie „The Last Storyteller“, ein poetisches Porträt des uralten irischen Geschichtensammlers Seán Ó Heochaidh. Warum jammert der „Guardian“ eigentlich immer über den schlechten Zustand der britischen Filmindustrie?

24. bis 30. April in den Kinos Acud, Central und fsk. Infos unter www.britspotting.de

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