Kultur : Kleist an Meinhof

Dagmar Leupolds fiktiver Gewalt-Dialog

Clemens-Peter Haase

Das Wagnis ist unerhört: In ihrem Briefroman „Die Helligkeit der Nacht“ inszeniert Dagmar Leupold einen Dialog zwischen Heinrich von Kleist und Ulrike Meinhof. Auch Uwe Timm („Halbschatten“) und Sibylle Lewitscharoff („Consummatus“ und „Apostoloff“) haben in ihren Romanen schon Tote sprechen lassen. Mit Adorno teilt die 1955 geborene Münchner Schriftstellerin die Überzeugung, dass die Toten uns bewachen, auch wenn sie vielleicht nicht wie Heiner Müller glaubt, dass sie über uns Gericht halten werden.

„Die Helligkeit der Nacht“ beschäftigt sich mit Fragen von Recht und Unrecht, von Moral und Immoralität, von der Doppelbödigkeit und Widersprüchlichkeit der Gewalt in all ihren Schattierungen: als geschichtlich potenziell emanzipatorische Kraft der Befreiung von Unterdrückung, aber auch in ihrer destruktiven, kontraproduktiven und inhumanen Form als blanker Terror, wie ihn die Rote Armee Fraktion betrieb.

Sprachlich empathisch und experimentell zugleich wird der Leser einem Zeitsprung in die Jahre 2008 und 2009 ausgesetzt, in dem der Briefeschreiber Kleist in der gesuchten Verbindung zu Ulrike Meinhof zwei Epochen aufeinanderstoßen lässt und dabei doch so etwas wie Zeitgenossenschaft herstellt.

Ein ganzes Jahr lang schreibt Kleist an Ulrike Meinhof Briefe „als Veteran der Liebe, als Veteran aller nur denkbaren Kämpfe“, bewegt sich auf ihren Spuren in Stuttgart-Stammheim, München, Berlin, Danzig und anderswo. Was Kleist die Nähe von Ulrike Meinhof suchen lässt, ist das Kernproblem, dessen Charakterisierung sich in einem Eintrag vom April 2008 findet: „Es ist die Gewalt, die uns verwandt macht. Es ist die Art des Verkehrs mit ihr, die uns trennt.“

Ulrike Meinhof bleibt darauf allerdings überzeugende Antworten schuldig. Auch in der Benennung der inneren Triebkräfte des Terrorismus und der ihn auslösenden Mechanismen gelingen Kleist die überzeugenderen und gültigeren Bilder, etwa dort, wo er in offensichtlicher Anspielung auf den „Michael Kohlhaas“ über „das innere Wüten von Kränkung, Verachtung und Ungerechtigkeit in der Seele des Mannes“ räsoniert.

Eine gewisse Asymmetrie der Gesprächssituation ist nicht zu übersehen: „Ihre Briefe empfange ich gern, auch wenn Ihre Lesart in mir mehr Rührung und Widerspruch als Überzeugung auslöst“, lässt die fiktive Ulrike Meinhof Kleist wissen. Kleist gewinnt gegen Ende des Briefwechsels, der sich schließlich als Selbstgespräch erweist, „die grausige Gewissheit, dass die Menschen einander auffressen, wenn die schwache Fessel von Übereinkünften sich lockert und reißt.“ Clemens-Peter Haase

Dagmar Leupold: Die Helligkeit der Nacht. Ein Journal.

C. H. Beck Verlag, München 2010.

207 Seiten, 18,90 €.

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