Kultur : Kleopatra-Ausstellung: Ein Luder names Kleopatra

Jörg von Uthmann

Wenn wir von Eva, Helena, der Königin von Saba und anderen mythologischen Figuren absehen, ist Kleopatra - genauer gesagt: Kleopatra VII., die letzte Königin des Ptolemäerreichs - die berühmteste Frau der vorchristlichen Welt. Wie berühmt, hat auch das British Museum unterschätzt. Der neue Ausstellungsraum über dem unlängst freigelegten Lesesaal, mit nahezu 400 Stücken hoffnungslos überfrachtet, ist dem Publikumsandrang kaum gewachsen.

Dabei ist Kleopatras Ruhm eher zweifelhafter Art. Sie gilt als männermordende, ehrgeizige Kokotte. Und es ist ja wahr: Es gelang ihr, zwei Herrscher des römischen Weltreichs, Julius Cäsar und Mark Anton, zu verführen. Ihre erste Begegnung mit Cäsar verdankte sie einer List: Sie ließ sich in einen Teppich einrollen. Der Diktator war von dem originellen Geschenk entzückt. Etwas üppiger war ihre Inszenierung in Tarsus, wohin Mark Anton sie bestellt hatte. Sie erschien auf einer Barke mit purpurnen Segeln, silbernen Rudern und einem vergoldeten Heck.

Dennoch muss es stutzig machen, dass Horaz, Ovid und Vergil, erstklassige Zeugen also, mit Respekt von ihr sprechen. Dass sie sich 18 Jahre lang auf dem schwankenden ägyptischen Thron hielt, spricht für staatsmännische Qualitäten, wie sie sich bei Schönheitsköniginnen gewöhnlich nicht finden. Selbst Plutarch, der sie eigentlich nicht leiden kann, rühmt ihr Sprachtalent und ihre geistreiche Konversation. Eine klassische Schönheit war sie dagegen nicht. Münzen zeigen eine Frau mit Portierzwiebel, großem Mund und kühner Nase. Der schlechte Ruf, den Kleopatra heute genießt, ist die Quittung dafür, dass sie im Machtkampf zwischen Mark Anton und Oktavian - dem späteren Kaiser Augustus - auf den Verlierer gesetzt hatte. Augustus ließ die Frau seines Gegenspielers zur Unperson erklären und ihre Statuen zerstören. Cäsarion, den Sohn, den sie von Cäsar hatte, ließ er ermorden. Die drei Kinder, die sie Mark Anton gebar, wurden verschont, aber nach Numidien verbannt. Die kaiserliche Propaganda sorgte dafür, dass die letzte Herrscherin eines noch halbwegs unabhängigen Ägypten als Karikatur in Erinnerung blieb.

Ein reizvolles Thema also: die Richtigstellung eines Klischees. Leider wird das British Museum der noblen Aufgabe nur unvollkommen gerecht. Zwar hat es das wenige, was von Kleopatra erhalten ist, zusammengetragen - Porträtköpfe, Statuen, Stelen, Gemmen, Münzen. Dass die Zuschreibung oft zweifelhaft ist, gehört zum Berufsrisiko. Die persönlichen Zeugnisse werden durch Schmuck ergänzt von der Art, wie ihn Kleopatra trug, und Porträtbüsten von Zeitgenossen, die in ihrem Leben eine Rolle spielten. Auch der Kopf einer erst vor zwei Jahren aus dem Hafen von Alexandria gefischten Granitstatue, die vielleicht Cäsarion darstellt, fehlt nicht. Doch um diesen harten Kern gruppieren sich römische und ägyptische Antiquitäten, die mit der Hauptsache wenig oder nichts zu tun haben. Gewiss, es sind viele schöne Stücke darunter, aber sie lenken vom Thema ab, besonders vom zweiten, interessanteren Teil des Themas - dem Mythos Kleopatra.

Die Nachwelt hat vor allem Kleopatras Tod in Erinnerung behalten: Um nicht im Triumphzug des siegreichen Oktavian mitgeführt zu werden, nimmt sie sich das Leben, indem sie Giftschlangen an ihren Busen legt. Im Musée des Augustins in Toulouse hängt ein köstlicher Schinken des Salonmalers Rixens, der die Szene so darstellt, wie sie sich die wohlanständige, aber lüsterne Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts ausmalte. Leider ist das British Museum zu fein, um in diese Niederungen herabzusteigen: Das Bild wird nur im Katalog erwähnt. Auch von den unzähligen Versionen der Barockmaler bekommen wir keine einzige zu sehen. Statt dessen werden wir mit ein paar illuminierten Handschriften, Zeichnungen, Gemmen, Vasen und einer Taschenuhr abgespeist. Auch die zweite berühmte Szene, die die Phantasie der Nachwelt beflügelte, das Bankett, bei dem Kleopatra ihre teuerste Perle in Essig auflöste und die Mixtur trank, wird mit einigen kleinformatigen Belegen abgetan - darunter immerhin einer Ölskizze von der Hand Tiepolos. Die Spuren, die sie in der Musik hinterließ, mindestens ein Dutzend Opern, werden uns ebenso vorenthalten wie die schwarzen Extremisten, die sie als Ahnherrin der "African Americans" reklamieren.

Ein einziges Plakat zeugt davon, dass sich Hollywood der ägyptischen Gottkönigin dreimal bemächtigte. Dass "Cleopatra" mit Elizabeth Taylor, Rex Harrison als Julius Cäsar und Richard Burton als Mark Anton der bis dahin (1963) teuerste Film der Welt war, erfahren wir nicht und auch nicht, dass mit ihm das private Liebesdrama von Liz und Dick seinen Anfang nahm, das zwei Hochzeiten und zwei Scheidungen einschloss. Und natürlich erfahren wir erst recht nicht, dass "faire Cléopâtre" bei den Damen der Rue St. Denis der Fachausdruck für den Oralverkehr ist.

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